Eleaml


GENIUS

Genius loci Siciliae
des Malers Cuono Gaglione

Der Untergang des Königreiches beider Sizilien

unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Großbritanniens

Martin Kohler




I)    Einführung in die Thematik
I) Introduzione nella tematica
II)    Garibaldi pesca la Trinacria
II) „Garibaldi pesca la Trinacria"
III)    Der Begriff der Intervention  
III) Il concetto di ingerenza
IV)    Der englische Imperialismus
IV) L’imperialismo inglese
V) Geopolitik: Die strategische Bedeutung des Mittelmeeres
V) Geopolitica - Il significato strategico del Mediterraneo

VI)  Der schrittweise Untergang des Königreichs beider Sizilien anhand ausgewählter Konflikte zwischen dem Königreich beider Sizilien und Großbritannien
VI: I conflitti fra il Regno delle Due Sicilie e la Gran Bretagna
VI.1) Die Insel Ferdinandea
VI.1) L’isola Ferdinandea
VI.2) Penelope Smith
VI.2) Penelope Smith
VI.3) Vermengung der persönlichen und politisch-kommerziellen Motive bei Lord Palmerston
VI.3 Mescolamento di motivi personali e politico-commerciali in Lord Palmerston                                                               

VI.4) Der „Schwefelkrieg“
VI.4 La „guerra dello zolfo“
VI.5) Die Verneinung Gottes
VI.5) La negazione di Dio

VI.6) Die Instrumentalisierung der öffentlichen Meinung
VI.6) La strumentalizzazione dell’opinione pubblica
VI.7) Die Außenpolitik Ferdinands II
VI.7) La politica estera di Ferdinando II
VI.8) Die britische Unterstützung während der Revolution 1848
VI.8) L’appoggio inglese durante la Rivoluzione del 1848
VI.9)  Der Krimkrieg

VI.9) La guerra di Crimea
VI.10)  Die Affäre Mazza
VI.10) L’affaire Mazza
VI.11) Das Attentat auf König Ferdinand II
VI.11 L’attentato al re Ferdinando
VI.12) Der Pariser- Kongreß
VI.12) Il congresso di Parigi
VI.13) Die Cagliari-Affäre
VI.13) L’affaire Cagliari

VI.14) Weitere Streitpunkte
VI.14 Altri punti di discordia
VI.15) Der „letzte große Religionskrieg“
VI.15) L’ultima grande guerra di religione
VI.16) Die Destabilisierung des Heeres
VI.16) La destabilizzazione dell’esercito

VI.17) Das Attentat auf Maniscalco
V.17) L’attentato a Maniscalco

VI.18)  Die systematische Korrumpierung der Spitzen des Königreichs beider Sizilien
V.18) La corruzione sistematica dei vertici del Regno delle Due Sicilie
VII) Schlussbetrachtung
VII) Osservazioni conclusive
VIII)  Bibliographie
VIII) Bibliografia
___________________________________________________________________________________

I)                   Einführung in die Thematik

„Die Geschichte kann fürwahr ein rühmlicher Krieg gegen die Zeit genannt werden, denn sie entwindet ihren Händen die Jahre, ihre Gefangenen, die eigentlich schon Leichname geworden sind, ruft sie ins Leben zurück, hält Musterung ab und stellt sie aufs Neue in Schlachtordnung auf. Freilich erfassen die vortrefflichsten Chronisten, die auf dieser Walstatt Messen des Sieges und Ruhmes abhalten, allein die prunkvollsten, glänzendsten Beutestücke, indem sie mit ihren Tinten lediglich die Unternehmungen der Fürsten, Mächtigen und Standespersonen einbalsamieren und mit den feinsten Nadeln ihres Geistes aus Fäden von Gold und Seide ein unvergängliches Gewebe glorreicher Taten sticken“( Manzoni 2003:7).

Dieses einleitende Zitat aus den Promessi Sposi von Alessandro Manzoni führt bereits in medias res der vorliegenden Arbeit (vgl. Pellicciari 2000:9). Besonders auf die nationalstaatliche Geschichte Italiens scheinen diese Zeilen zuzutreffen. Jahrzehntelang war es in Italien an der Tagesordnung, die Protagonisten der Geschichte in die Guten auf der einen Seite und in die Bösen auf der anderen Seite einzuteilen (vgl. Corriere della Sera, 07.05. 2000). Die Guten waren die Gründungsväter Italiens aus der Epoche des Risorgimento, wie das Haus Savoyen, Cavour, Mazzini und Garibaldi. Das Schlechte wurde von den Bourbonen oder Pius IX verkörpert (vgl. ebd.). Die Geschichte war dogmatisch und indiskutabel. Lange Zeit war es verboten oder zumindest aufs Äußerste politisch inkorrekt schlecht über Garibaldi[1] zu sprechen (vgl. Corriere della Sera, 27.06.1999). Die Verunglimpfung des „Heldens zweier Welten“ wurde mit der Beleidigung des Nationalstaates gleichgesetzt. Doch nun kehren die „Leichname der Geschichte“ aus der Zeit des Risorgimento wieder ins Leben zurück und werden aufs Neue gemustert.

„Nach Jahrzehnten des historiographischen und kulturellen Samizdat begann Ende der neunziger Jahre die Mauer des Schweigens, die die Legende des Risorgimento beschirmte, zu schwanken, zu bröckeln und tosend einzustürzen“ (Morgani, in Nicoletta 2001:5).

Zwischen den Zeilen der offiziellen euphemistischen Geschichte aus der Feder der Chronisten, die mit „den feinsten Nadeln ihres Geistes ein aus Fäden von Gold und Seide unvergängliches Gewebe glorreicher Taten stick(t)en“, existiert noch eine andere, gegen den Strom schwimmende Geschichte, die zuerst das Haus Savoyen, später dann der Faschismus ersticken wollte (vgl. Del Boca 2001:250). Das Dogma des „mai parlare male di Garibaldi“ hatte zur Konsequenz, daß der Freiheit der Forschung der Knebel angelegt und die Wahrheit versteckt wurde (vgl. ebd.:251). Das Italien von heute scheint mit dem Blick auf seine Vergangenheit nicht auf den Ort seiner Wurzeln und Traditionen zurückzuschauen, sondern auf ein nicht enden wollendes Schlachtfeld (vgl. Corriere della Sera, 07.05. 2002). Es scheint fast so, daß das „aus Fäden von Gold und Seide gestickte unvergängliche Gewebe glorreicher Taten“ die Fäden eines Nessushemdes für Italien darstellt. Italien krankt bis zum heutigen Tage an der Art und Weise seiner Einheit. Die Questione Meridionale, der Gegensatz zwischen Pollentroni und Terroni und der Leghismo des Nordens sind Symptome dieser Krankheit. So lange Italien diese Fäden im Gewand seiner nationalen Geschichte trägt, wird es für viele Mißstände keine Heilung und für viele Konflikte keine Lösung geben. Daher fordert Francesco Maria Agnoli:

“Wir brauchen eine Reinigung unserer nationalen Erinnerung, wenn wir als italienisches Volk von unseren endemischen Übeln, wie die Korruption, die unsere nationalstaatliche Geschichte durchzieht, geheilt werden wollen. (...) Es geht nicht darum, die nationale Einheit in Frage zu stellen. Es ist aber notwendig, die dunklen Seiten der Alben unser Geschichte als Einheitsstaat wieder aufzuschlagen, um die Erinnerung zu reinigen“(Internetquelle II).

Die sich in der „neuen Schlachtordnung“ gegenüber stehenden Lager lassen sich in die Apologeten des Risorgimento auf der einen Seite und die sogenannten Revisionisten auf der anderen Seite unterscheiden. Maurizio Blondet charakterisiert das Wesen der Strömung der Revisionisten: „Sie wagen es, das Risorgimento in wenig sympathischem Licht erscheinen zu lassen, sprechen schlecht über Garibaldi, aber gut über Pius IX und zeichnen die Vereinigung mit dem Süden als erzwungene Annexion mit Gemetzeln, Verfolgungen und Korruption (vgl. Internetquelle III). Die Revisionisten zeigen die dem Risorgimento innewohnende Problematik auf:

“Von der Geschichte des Risorgimento ist vor allem der Mythos überliefert worden, während viele Ereignisse aus dem einfachen Grund nicht weitergeben wurden, daß man das strahlende Bild der nationalen Einigung nicht beschmutzen wollte, das die Liberalen und Freimaurer postuliert haben“ (Internetquelle II).

Im Lager der Apologeten begegnete Alessandro Galante Garrone der „Rückkehr der Besiegten der Geschichte”, die er als „fanatische, reaktionäre und sanfedistische Kräfte“ brandmarkte, mit einem von 66 Intellektuellen unterzeichneten Aufruf zu einer neuen Resistenza (vgl. Internetquelle IV). Der von diesen Kräften ausgehende Versuch das Risorgimento mit samt seinen besten Männern zu diskreditieren und die geschichtliche Wahrheit zu verzerren sei eine inakzeptable Provokation für Italien (vgl. ebd.).

Die Geschichtsschreibung des Risorgimento stellt keine Ausnahme zu der Regel dar, daß in der Geschichte vieler Nationalstaaten oft die Wahrheit geopfert wird (vgl. Colacino u.a. 2001:21). In Italien trifft dies am deutlichsten auf das ehemalige Königreich beider Sizilien zu, das in den dunkelsten und schrecklichsten Farben gemalt wurde, um den Prozess der nationalen Einigung zu rechtfertigen und zu glorifizieren (vgl. ebd.). Das Königreich beider Sizilien wurde mit der schlimmsten aller Strafen, der Damnatio memoria, belegt. Den Nukleus der Verurteilung zum Vergessenwerden bildet Ferdinand II. Analog zur altrömischen Praxis wurde sein Andenken verdammt, die Trauer um ihn verboten, Waffen und Wappen zerschlagen, sein „Haus“ verwüstet und die ewige Infamie aus präventiven Gründen auf seine Nachkommen übertragen. Daher finden sich Spuren des ehemaligen Königreichs beider Sizilien heute nur noch spärlich. In der Umgangssprache haben „esercito di franceschiello[2]“ und das Adjektiv „borbonico“ einen deutlich pejorativen Stellenwert. Wo auch immer etwas als rückständig, unterentwickelt oder korrupt beschrieben werden soll, kommt das Adjektiv borbonico leicht über die Lippen (vgl. De Biase 2002: 147 / Nicoletta 2001:81).

Während die italienischen Könige Vittorio Emanuele I und Umberto I mit den Beinamen „Re Galantuomo“ und „Re Buono“ in die Geschichte eingingen, kennt man Ferdinand II gemeinhin nur noch als „Re Bomba“, der Messina bombardieren ließ[3].

Während das kulturelle Erbe Italiens mit den Attributen Farnese, Gonzaga, Sforzesca, D´Este etc. gekennzeichnet wird, dient borbonico bestenfalls zur Kennzeichnung von Kerkern. Niemals würde bei einer Besichtigung des Bourbonenschlosses Caserta das Wort „bourbonisch“ fallen. (vgl. Internetquelle V).

Während man in jeder noch so kleinen italienischen Ortschaft zumindest in einer Via Garibaldi oder Via Cavour spazieren gehen kann oder die Piazza sogar eine Garibaldi- Statue aufweist, so gibt es nur in zwei süditalienischen Kommunen, nämlich in Battipaglia und Scafati eine Statue Ferdinands II (vgl. De Biase 2002:143).

Betrachtet man mit kritischem Blick die Nischen der Fassade des Palazzo Reale in Neapel, in denen acht Figuren derjenigen Dynastien zu bestaunen sind, die den Thron von Neapel inne hatten, so stellt man leicht fest, in wessen Auftrag diese Anordnung vorgenommen wurde. Zwischen Murat und Vittorio Emanuele III steht nach dem Willen der Auftraggeber, dem Haus Savoyen, kein Bourbonenherrscher wie Ferdinand II.

Entlang der ehemaligen Grenze des Königreiches beider Sizilien und des Kirchenstaates stößt man noch heute vielerorts auf steinerne Zeugen zweier untergegangener Reiche (vgl. Abbildung I). Insgesamt waren es 686 Grenzpfosten, die diese beiden preunitarischen Staaten auf der italienischen Halbinsel von einander trennten. Gemäß einem 1840 unterzeichneten Vertrag zierten zwei Schlüssel und das Jahr der Errichtung die Seite des Kirchenstaates und die stilisierte Lilie die Seite des Königreiches beider Sizilien. Die Nummern des Königreiches beider Sizilien verliefen von 1 bis 649 mit einigen Wiederholungen nach Norden ansteigend.

Die Blickrichtung dieser Arbeit wendet sich der stilisierten Lilie, sprich nach Süden, auf das Königreich beider Sizilien [4] zu.

 

Abbildung I: Grenzpfosten zwischen dem Königreich beider Sizilien und dem Kirchenstaat

Quelle:  Internetquelle VI


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II) Garibaldi pesca la Trinacria”(Garibaldi fischt die Trinacria)

Die vorliegende Arbeit findet ihren Ausgangspunkt in einer aus unbekannter Hand stammenden Karikatur, die heute im Saal 19 des Museo del Risorgimento in Turin einen würdigen Platz gefunden hat. Vor dem Hintergrund dieser Karikatur, die den Titel „Garibaldi pesce la Trinacria“ trägt, entfaltet sich das der Arbeit zugrundeliegende Forschungsinteresse.


Abbildung II: Garibaldi fischt die Trinacria

Quelle: Das Bild wurde dem Verfasser der vorliegenden Arbeit von dem italienischen
Maler Cuono Gaglione zur Verfügung gestellt.


In der Karikatur sind alle zentralen Akteure des Risorgimento vertreten. Giuseppe Garibaldi wird mit einer Angel in der Hand dargestellt, an deren Haken die Trinacria[5], das Symbol Siziliens, hängt. Knapp unter der Wasseroberfläche sind drei weitere Symbole dargestellt, die bereits die Richtung weiterer Fischzüge anzeigen. Es sind die zur italienischen nationalstaatlichen Einigung noch fehlenden Gebiete: Das Pferd symbolisiert Neapel, die  Schlüssel den Kirchstaat und der Löwe Venedig. Camillo Cavour hat ebenfalls einen erfolgreichen Fischzug hinter sich, der ihm die kleinen Fische (pesciolini) Modena, Milano und Como eingebracht hat. Auf dem Wasser ist der britisch-französische Antagonismus im Allgemeinen im Mittelmeer und im Besonderen um Sizilien dargestellt. Von einem Boot aus   hindert das allegorisch dargestellte Frankreich das britische Einhorn daran, sich Siziliens zu bemächtigen. Auf dem Boot liegen zwei Fische, die Nizza und Savoyen darstellen. Diese Gebiete hatte Frankreich im Tausch gegen die Unterstützung der italienischen Sache erhalten. Wichtig zu erkennen ist, daß sowohl Frankreich, als auch Großbritannien vom Wasser aus versuchten, sich Siziliens zu bemächtigen. Dies unterstreicht die enorme strategische Bedeutung Siziliens:

„Diese beiden Seemächte stritten von Anfang an um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum. Das ist der Grund, warum sich Frankreich und England immer in die inneren Angelegenheiten des Königreichs beider Sizilien eingemischt haben“ (vgl. Internetquelle VII).

Das zentrale Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, wie die Trinacria an den Haken der Angel von Giuseppe Garibaldi kam. Historische Erklärungsansätze, die auf dem Boden des Risorgimento-Mythos stehen, können nicht überzeugen. Zwar hat Garibaldi und sein zur Legende gewordener „Zug der Tausend“ Sizilien historisch unwiderlegbar erobert, doch kann dieser Triumph nicht mit den militärischen Fähigkeiten Garibaldis und dem Heldenmut seiner Rothemden befriedigend erklärt werden.

Del Boca wirft zu Recht die Frage auf: 

„Warum ist eine derart zusammengewürfelte Armee Brancaleoni nicht vom bourbonischen Heer dahingemetzelt worden, das als eines der besten und am besten ausgestattetsten Heere galt und den 1000 Rothemden bei weitem an Kampfeslust und Ausbildung überlegen war?“ (Del Boca 2001: 59).

Betrachtet man die zahlreichen Ölgemälde über die sogenannte spedizione dei mille, so sticht sofort ins Auge, daß es sich eher um einen „Jagdausflug“, als um ein schwieriges militärisches Unternehmen gehandelt hat[6].

Lorenzo Del Boca stellt die These auf, daß:

“es keine Eroberung des Königreiches beider Sizilien gegeben hätte, wenn sich nicht die englischen Interessen mit denen der meridionalen Mafia vereinigt, und wenn, die einen und die anderen, nicht die aufständische Bewegung finanziert und unterstützt hätten. Nicht für die Tricolore oder für die italienische Sache. Einfach nur aus dem Grund heraus, daß ihre Interessen nicht mehr mit der bourbonischen Monarchie vereinbar waren. Daher mussten diese Könige vom Thron gestürzt werden, um sie zu ersetzen (Del Boca 2001:59). Der Erfolg des „Zug der Tausend“ war die Frucht einer sorgfältigen Vorbereitung (vgl. Internetquelle VIII). Die vorliegende Arbeit versucht die einzelnen Glieder einer langen Kette von vorbereitenden Maßnahmen aufzuzeigen.

Der engere Fokus dieser Arbeit liegt auf den englischen Interessen und der durch England gewährten Unterstützung.[7] Die zentralen Fragen lauten also:

Welche Beweggründe hatte Großbritannien, um den Sturz des Königreichs beider Sizilien nicht nur zu begrüßen, sondern auch aktiv zu unterstützen?

Welches Motivgemenge steckt hinter der britischen Begünstigung der piemontesischen Annexion des Königreichs beider Sizilien?

Im Hinblick auf die Thematik der Intervention soll herausgearbeitet werden, mit welchen Mitteln Großbritannien interveniert hat.

 

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III)  Der Begriff der Intervention

Zunächst soll der Begriff der Intervention definiert werden. In Anlehnung an Schraeder ist eine Intervention „the calculated use of political, economic and military instruments by one country to influence the domestic or the foreign policies of another country“(Schraeder 1992:3). Begriffsdefinitionen, die ausschließlich am Extremfall der militärischen Intervention orientiert sind, erscheinen wenig dazu geeignet, das breite Spektrum des Interventionsbegriffes abzudecken und sein Wesen zu erschließen. Interventionen können sich auch in Form von Wirtschafts- und Militärhilfe, massiver Propaganda, ökonomischen Sanktionen, Geheimdienstoperationen oder der Unterstützung für einheimische Insurgenten manifestieren (vgl. Osterhammel I.E.:73). Beim Versuch einer Definition stellt sich grundsätzlich die Problematik der Abgrenzung an den beiden Rändern: Zum einen ist es schwierig abzugrenzen, wo die Grenze zu einem regelrechten Krieg verläuft und zum anderen ist es nicht einfach zu definieren, wann die Schwelle geringer Verwicklungen von nur schwacher Intensität (involvement oder interference) überschritten wird. Gemäß Jürgen Osterhammel sind alle Interventionen durch eine doppelte Asymmetrie gekennzeichnet (vgl. ebd. 74). Interventionen setzen ein allgemeines Machtgefälle voraus. Des Weiteren sind die Folgen einer Intervention asymmetrisch. Während ein Krieg tiefgreifende Auswirkungen auf beide / beziehungsweise alle Beteiligten hat, trifft die volle Schwere der Intervention nur den Zielstaat (vgl. ebd.). Der Zielstaat wird niemals in der Lage sein, über Abwehr und Widerstand hinaus zum Gegenangriff überzugehen (vgl. ebd.). Intervention ist also niemals eine Form des Umgangs unter Gleichen (vgl. ebd.) Osterhammel unterscheidet vier Typen der Intervention, mit dem Hinweis darauf, daß diese Typologie mit einem guten Maße an Vereinfachung und Willkürlichkeit behaftet ist (vgl. ebd.:75). Im Folgenden wird die Typologie kurz vorgestellt:

Der Typus der besitzergreifenden Intervention war jahrhundertelang das zentrale Instrument zur Expansion des imperialen Herrschaftsgebietes (vgl. ebd.:76). Instabilitäten wurden oft dazu ausgenutzt, um von „informaler Herrschaft“ zu „formaler Herrschaft“ überzugehen. Es war keine Seltenheit, daß diese Instabilitäten manipulativ herbeigeführt wurden (vgl. ebd.). In der Terminologie von Osterhammel waren die Briten „Meister“ solcher Manipulationen (vgl. ebd.). Durch ein reiches Arsenal an Destabilisierungstechniken wurden Gebiete für einen „imperialen take-over“ vorbereitet (vgl. ebd.). Zweck der besitzergreifenden Intervention ist die Annexion oder längerfristige Okkupation eines fremden Gemeinwesens. Häufig geht ihr der Zusammenbruch bewährter Koalitionsbeziehungen voraus, die die Sicherheitsinteressen und Wirtschaftsinteressen billiger sichergestellt haben, als formaler Kolonialismus. Im Falle der britischen „reluctant imperialists“ der Freihandelsära (etwa 1820 bis 1870) bestand vor dem Hintergrund eines weit verbreiteten Anti-Annexionismus und Anti-Interventionsimus die Notwendigkeit, die wirklichen Hintergründe einer Intervention durch Legitimationsbemühungen zu verschleiern (vgl ebd.). Sowohl englische, als auch französische Großmachtsambitionen verbanden sich elegant mit der Verbeugung vor dem philanthropischen Zeitgeist (vgl. Osterhammel 2001: 305). Nackter Egoismus erschien oft im Gewand der humanitären Notwendigkeit, das stets die wahren Hintergründe einer Intervention kleidsam verhüllte. Besonders willkommene Rechtfertigungen waren symbolische Provokationen (vgl. ebd.:78). Der Schlag mit dem Griff eines Pfauenfederwedels, den der seinerseits zuvor heftig beleidigte Dey Hussein von Algier am 29.04.1827 dem französischen Konsul Pierre Daval versetze, bildete den willkommen Anlaß zur französischen Eroberung Algeriens (vgl. ebd.).

Der zweite Typus imperialer Intervention ist die sogenannte Bick-Stick-Intervention (vgl ebd.:79). Diese Form der Intervention wird als eine zeitlich begrenzte Ordnungsmaßnahme zur Wahrung klar definierbarer Interessen gesehen. Sie zielt daher nicht auf die Errichtung dauerhafter Kolonialherrschaft ab, sondern dient der Sicherstellung der eigenen Interessen (vgl. ebd.). Ein häufiges Begründungsmuster dieser Intervention ist die Sicherung des Lebens von Staatsangehörigen und ihres Eigentums sowie die Gewährleistung freier wirtschaftlicher Betätigung (vgl .ebd.). Diese Sicherung soll auf indirektem Wege durch befreundete einheimische Regierungen garantiert werden. Diese Intervention dient der Beseitigung feindseliger Staatsautoritäten und der Installation bzw. Stützung von Kollaborationsregimen (vgl. ebd.:80). Eine indirekte Big-Stick Intervention erfolgte 1953 durch den konspirativ von Großbritannien und den USA vorbereiteten Sturz des Ministerpräsidenten der iranischen Nationalen Front, Muhammed Mussadiq (vgl. ebd.). Mussadiq hatte 1951 die Anglo-Iranian Oil Company, die Vorläuferin von British Petroleum (BP), verstaatlicht. An seiner Stelle wurde der Shah Reza Pahlevi installiert, der ein zuverlässiger Verbündeter war. Big-Stick-Interventionen sind realpolitisch motiviert und verfolgen eigene Wirtschaftsinteressen (vgl. Osterhammel 2001:309).

Der dritte Typus der Intervention ist die sezessionistische Intervention zugunsten nationaler Unabhängigkeitsbewegungen (vgl. Osterhammel I.E.:84). Im 19. Jahrhundert wurde in

liberalen Kreisen, insbesondere in britischen, darüber diskutiert, inwiefern es grundsätzlich gerechtfertigt sei, kleineren Völkern bei ihrem Versuch Beistand zu leisten, aus „Völkergefängnissen“ zu entkommen (vgl. ebd.:85). John Stuart Mill hat diesen Diskurs in seiner 1859 veröffentlichten Schrift „On Intervention“ verarbeitet. Mill vertrat die Auffassung, daß eine Intervention zugunsten eines unterdrückten Volkes moralisch gerechtfertigt sei, wenn in diesem Volk ein unterdrückter Freiheitswille existiere und die Intervention als Geburtshelferin politischer Unabhängigkeit dienen könne (vgl. ebd.:85). In seinem Gedankengebäude war eine befreiende Intervention eine Gegen-Intervention gegen die Unterdrückung des freiheitssuchenden Volkes durch seine eigene Imperialmacht (vgl. ebd.). Besonders im griechischen Freiheitskampf wurden die Merkmale einer sezessionistischen Intervention deutlich. Dank der teils politisch, teils kulturnostalgisch motivierten philhellenischen Agitation baute sich in der europäischen Öffentlichkeit ein Interventionsdruck auf (vgl. ebd.). Hier spielte zum ersten Mal die Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle (vgl. ebd.).

Der vierte Typus der Intervention ist die humanitäre Intervention sensu strictu (vgl. ebd.:89). Dieser Interventionstypus ist nicht von egoistischen Absichten nationaler Machterweiterungen oder Interessenwahrung motiviert, sondern nur durch die Absicht die Bevölkerung eines Staates vor dessen eigener verbrecherischer Regierung zu schützen (vgl. ebd.). Da aber internationale Akteure nahezu per definitionem partikulare Interessen verfolgen und selbst bei universalistischer Rhetorik kaum entgegen ihrem machtpolitischen Egoismus handeln, hat es in diesem Sinne nur äußerst selten humanitäre Interventionen gegeben (vgl. ebd.).

Osterhammel verweist darauf, daß sich in der historischen Wirklichkeit eine große Menge von Kombinationen findet (vgl. ebd.:75). Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird herausgearbeitet, welche Interventionstypen dazu geeignet sind, den Untergang des Königreichs beider Sizilien zu erklären.

 

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IV) Der englische Imperialismus

„Das sogenannte Risorgimento war nichts anderes, als eine Episode des englischen Imperialismus“ (Socci, in Nicoletta 2001:49).

Für die britischen Politiker des viktorianischen Zeitalters stellte es eine Selbstverständlichkeit dar, die Sicherung der ökonomischen Interessen Großbritanniens im Ausland als eine der wichtigsten Aufgaben der Außenpolitik zu betrachten (vgl. Bierschenk 1977:52 ). Eine Reihe von Aussagen bedeutender britischer Staatsmänner kann dieses Primat der Sicherung des Handels verdeutlichen. Pitt konstatierte nüchtern, daß britische Politik schlichtweg britischer Handel sei (vgl. Platt 1968:VIII, zitiert in Bierschenk 1977:52). Lord Palmerston[8] erklärte 1834 in einer Rede im britischen Unterhaus, daß dem britischen Außenminister Gleichgültigkeit gegenüber Handelsinteressen zu unterstellen, gleichbedeutend wäre, ihm den gesunden Menschenverstand abzusprechen (vgl. Webster 1951:751f, zitiert in edb.:52). Granville erklärte 1851 anläßlich der Übernahme der Amtsgeschäfte des Außenministers, daß es eine der ersten Pflichten einer britischen Regierung sein muß, dem Außenhandel die nötige Sicherheit zu verschaffen, die er zu seinem Erfolg braucht (vgl. Platt 1968: XV, zitiert in ebd.:52). Besonders deutlich wird das Verhältnis politischer und ökonomischer Interessen durch die folgende Aussage Disraelis 1842 im Unterhaus:

„Wenn ein geschäftliches Interesse überhaupt irgendeine Bedeutung besitzt, ist es auch ein politisches Interesse, und in einem Land, in dem der Handel eine der Hauptquellen des nationalen Wohlstandes und die Grundlage der Staatseinnahmen ist, stellt ein geschäftliches Interesse ein politisches Interesse ersten Ranges dar“ (vgl. Platt 1968: XVI, zitiert in ebd.53).

Gladstone postulierte 1855:

„Der Erlaß unweiser und schlechter Gesetze im Ausland kann die Ausdehnung unseres Handels ernsthaft einschränken und behindern [...]. In Hinsicht auf eine Kolonie[9] besteht eine derartige Gefahr nicht (vgl. Shaw 1970:21f, zitiert in ebd.:52).

Am 01. März 1848 gab Palmerston deutlich zu erkennen, daß für ihn Freundschaften und Feindschaften in der internationalen Politik nicht durch Prinzipien, sondern durch den für Großbritannien absehbaren Nutzen bestimmt werden (vgl. Wentker 1991:23).

„We have no eternal allies, and we have no perpetual enemies our interests are eternal and perpetual, and those interests it is our duty to follow (vgl. ebd.)”

Die Leitidee der britischen Politik war nicht an filanthrophischen, moralischen Wertmaßstäben orientiert, sondern an der Ausdehnung und Verstärkung der eigenen Macht (vgl. Campolieti 2001:29). Italien, Griechenland, das Osmanische Reich und der nordafrikanische Küstenstrich waren im Fokus der britischen Außenpolitik und die British Navy verlieh den diplomatischen Bemühungen häufig Nachdruck (vgl. Thomson 1989:52). Der Schutz der Handelsrouten und das Wohlergehen der britischen Staatsbürger in diesen Gebieten waren die vorrangigen Ziele (vgl. ebd.). Im House of Commons wurde nahezu täglich auf die Wichtigkeit des Handels mit Indien und die Entwicklung und Sicherung von Seewegen durch das östliche Mittelmeer hingewiesen (vgl. ebd.). Die Bedeutung der Mittelmeerinseln Malta und Sizilien wuchs vor diesem Hintergrund.

„There is little doubt that the British government had more than a passing interest in the movements of foreign ships along the Mediterranean coastline“(vgl. ebd.:54).

Über den Köpfen der britischen Politiker schwebte also immer ein Damoklesschwert. Die Dicke seines Rosshaares bemaß sich an der Beherrschung der „Wogen durch Britannia“, die die conditio sine qua non der britischen wirtschaftlichen Vormachtstellung war.


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V) Geopolitik- Die strategische Bedeutung des Mittelmeeres

Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte das Mittelmeer wieder große Bedeutung und wurde zum Schauplatz der Manöver der internationalen Politik (vgl. Mariano 1991:163). Nach dem endgültigen Sturz Napoleons I trug eine ganze Reihe von Ereignissen zur Wiederaufwertung des alten, strategischen Zentrums der Welt bei (vgl. ebd.). Der Westen des Mittelmeeres erlebte ein Erstarken der französischen Kriegs- und Handelsflotte, während der Osten durch das Vordringen Russlands an die Gestade des Mittelmeeres gekennzeichnet war (vgl. ebd.).

Die Lage im Osten des Mittelmeers beschreibt Friedrich Engels in einem in der New-York Daily Tribune am 12. April 1853 erschienenen Leitartikel mit dem Titel „Worum es in der Türkei in Wirklichkeit geht“:

„Ist aber anzunehmen, daß diese (Russland) bis ins Riesenhafte gewachsene und ausgedehnte Großmacht auf halbem Wege stehen bleiben wird, wenn sie schon auf dem Wege ist, ein Weltreich zu werden? [...] Durch die Annexion Griechenland und der Türkei gewinnt sie ausgezeichnete Seehäfen, und die Griechen beliefern sie mit geschickten Seeleuten für ihre Kriegsflotte. Durch die Gewinnung von Konstantinopel steht sie an der Schwelle zum Mittelmeer; durch den Besitz von Durazzo und der albanischen Küste von Antivari bis Arta ist sie direkt im Mittelpunkt der Adria, in Sichtweite der britischen ionischen Inseln und 36 Stunden Dampferfahrt von Malta entfernt“ (Engels 1991: 25).

Die kommerzielle Bedeutung der Dardanellen und des Bosporus machten sie gleichzeitig auch zu militärischen Positionen ersten Ranges (vgl. ebd.). Hier zeigt sich bereits der Zweiklang britischer Außenpolitik aus Handelsinteressen und militärischen Notwendigkeiten, der maßgeblich zum Untergang des Königreiches beider Sizilien beitragen sollte.

Doch den größten Anteil an der wiedergewonnenen Bedeutung des Mittelmeeres trug der Süden mit der baldigen Eröffnung des Suezkanals (vgl. Mariano 1991:163). Dem Suezkanal[10] kam als Verbindungsweg nach Indien zentrale strategische Bedeutung zu (vgl. ebd.). Großbritannien hatte gleich ein doppeltes Interesse am Suezkanal. Vorwiegend war das Interesse kommerziell motiviert, da der britische Handel circa 82% des Durchgangsverkehrs durch den Kanal betrug (vgl. Bierschenk 1977:4). Ferner bestand ein politisches Interesse, da der Kanal die Hauptverbindungslinie nach Indien, Ceylon, der Straße von Singapur und Britisch-Burma darstellte, wo etwa 250.000 Menschen unter der britischen Herrschaft lebten (vgl. ebd.). Des Weiteren diente er als Verbindung nach China, wo 84% des Außenhandels von Großbritannien kontrolliert wurden (vgl. ebd.).

Auch wenn die beiden Mächte Frankreich und Großbritannien sich einig in der Verhinderung einer jedweden russischen Expansion waren, so standen sie sich doch mehr oder weniger feindlich gegenüber (vgl. ebd.). Der politische Ehrgeiz Napoleons III bedrohte englische Interessen. Als die Franzosen mit dem ersten Kriegsschiff aus Stahl, der Gloire, noch vor den Engländern aufwarten konnten, verstärkte England seine Bemühungen nicht ins Hintertreffen zu geraten. Unter der Federführung des Admiral Lalande wurde die französische maritime Politik zur Bedrohung Englands. Aceto beschreibt in seinem Werk „De la Sicile et des rapports avec l´Angleterre“ Sizilien als den strategisch wichtigsten Punkt des ganzen Mittelmeeres (vgl. Internetquelle VII.). Des Weiteren unterstreicht er den britisch-französischen Antagonismus um die Insel:

„La Sicile était en effet pour elle (Großbritannien), non seulement un point important qu´elle devait empêcher a tout prix dans les mains des Français qui la menaçaient continuellement du bord oppose, mais encore le centre de toutes ses opérations militaires et politiques dans la Mediteranee et l´Italie“ (vgl. Aceto 1827 :103).

England besaß im Mittelmeer neben den Häfen, die ihnen von kleineren Mächten zur Verfügung gestellt wurden, die Stützpunkte Gibraltar, Malta und die ionischen Inseln (vgl. Mariano 1991:165). Im westlichen Teil des Mittelmeeres geriet England ins Hintertreffen und so kam der strategischen Mitte erhebliche Relevanz zu (vgl. Mariano 1991:165). Der neuralgische Punkt war um 1860 die Insel Sizilien, deren zentrale geographische Lage sie zum Schlüssel des ganzen Mittelmeeres machte (vgl. ebd.). Um Sizilien treffen das westliche und östliche Becken des Mittelmeeres aufeinander und der Besitzer dieser Insel kontrolliert sowohl den Stretto, als auch den Kanal (vgl. ebd.).

Wie hoch das Interesse England an Sizilien war, zeigt die Zahl der britischen Vizekonsulen auf der Insel. Neben dem eigentlichen Konsul Godwin waren elf weitere Vize-Konsule auf Sizilien (vgl. ebd.:167). Aufgrund des enormen strategischen Wertes der Insel unterstütze England die italienische Einigung. Mariano konstatiert, daß die Briten in Wirklichkeit in der entscheidenden Phase der italienischen Einigung nicht ethnischen Prinzipien gefolgt sind, sondern strikt antifranzösisch gehandelt haben (Mariano 1991:177). Die folgende Karikatur unterstreicht den britisch-französischen Gegensatz um Sizilien.


Abbildung III: Der britisch-französische Antagonismus um Sizilien

Quelle: Spellanzon 1960:827

Welche Bedeutung Sizilien in den Augen der Briten zukommen mußte, lässt sich erahnen, wenn man die Äußerungen über die ionischen Inseln betrachtet, die lediglich militärischen, aber keinen wirtschaftlichen Stellenwert besaßen. 1860 äußerte sich Admiral Martin wie folgt:

„I believe it would be wise to give the Ionian Islands to Greece, or to any other European power except France. But rather than allow them to fall under France, I would fortify Corfu and hold it: at any until possession of Candia be obtained for England” (vgl. ebd.).

Am 27.10.1860 schickte Lord Russel ein denkwürdiges Telegramm an Hudson, den englischen Botschafter in Turin:

“Die Regierung ihrer Majestät muß anerkennen, daß die Italiener ihre eigenen Interessen am besten beurteilen können. Nach der Vielzahl der Ereignisse, denen wir beigewohnt haben, fällt es schwer zu glauben, daß der Papst und der König beider Sizilien die Herzen ihrer Völker besitzen. Die Regierung ihrer Majestät sieht keinen Grund, wie der strenge Tadel Österreichs, Frankreichs und Preußens anlässlich der Unternehmungen des Königs von Sardinien zu rechtfertigen wäre. Die Regierung ihrer Majestät zieht es vor, der glücklichen Perspektive eines Volkes entgegen zu sehen, das sich das Gebäude der eigenen Freiheit errichten kann und seine Unabhängigkeit festigt“ (Agrati 1937:533).

Diese Unabhängigkeit bedeutete natürlich für Frankreich eine neue Herausforderung entlang seiner maritimen Grenzen. Durch die Notwendigkeit den neuen italienischen Staat im Auge zu behalten, mußte sich zwangsläufig der französische Druck in andere Richtungen verringern (vgl. Mariano 1991:178)

Wie sehr die Regierung ihrer Majestät die „Unabhängigkeit“ der Italiener respektierte, zeigen die Vorfälle um die Insel Sardinien. London befürchtete, daß die italienische Regierung dem Papst im Tausch für den Kirchenstaat die Insel Sardinien offerieren  würde. Da der Papst jedoch ein sehr gutes Verhältnis zu Frankreich unterhielt, stemmte sich England mit aller Kraft gegen diesen Schritt (vgl. ebd.:178). Lord Palmerston reagierte schroff auf dieses Vorhaben:

L´Inghilterra si opporrebbe strenuously ad una simile estensione dell´influenza francese in questo mare.”( vgl. ebd.)

 

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VI: Die Konflikte zwischen dem Königreich beider Sizilien und Großbritannien

 

VI.1) Die Insel Ferdinandea

“In Kenntnis der dickköpfigen Zähigkeit der Briten und ihrer Leidenschaft überall auf der Welt Inseln zu sammeln, wäre sicherlich ein ernster Konflikt entstanden“ (De Biase 2002:27).

Die enorme strategische Bedeutung der Mittelmeerinseln wird am Beispiel des Streits um die Vulkaninsel u´bummuluni, wie sie im Dialekt der sizilianischen  Fischer heißt, deutlich. Die Nomenklatur der Insel fällt nicht leicht, da gleich drei Mächte Anspruch auf diese Insel erhoben und sich dies auch in der Namensgebung niedergeschlagen hat. Die Insel wird auch als Insel der sieben Namen bezeichnet: Sciaccia, Nertita, Corrao, Hotham, Julie, Graham und Ferdinandea. Am 2. Juli 1831 kam es bei Sacco del Corallo, quasi in der Hälfte der Distanz zwischen Sciaccia und der Insel Pantelleria, zu einer gewaltigen Unterwasserexplosion. Nach der Explosion stieg eine 63 Meter hohe, 4,5 Kilometer lange und 2 Kilometer breite Insel aus den Fluten empor. Dieser Insel kam ein hoher strategischer Wert als militärischer Vorposten zu (vgl. Internetquelle VIII: ). Die Lage der Insel weckte sofort Begehrlichkeiten:

„Closer to Europe than Malta, Graham Island was a perfect point to control commercial and military sea traffic in the major Mediterranean shipping lanes (vgl. The Indipendent, 26.09.2001).

Von Malta aus wurde die Rapid unter dem Kommando von Charles Henry Swinburne zu der Insel entsandt. Im Namen ihrer Majestät wurde die Insel dem britischen Empire einverleibt. Humprey Senhouse landete mit sieben Matrosen auf der von Schwefelschwaden bedeckten Insel und hisste auf der höchsten Erhebung den Union Jack (vgl. Internetquelle IX). Die Insel wurde auf den Namen Graham[11] getauft. Das Hissen des Union Jack empfand Ferdinand II als beleidigenden Akt und Verletzung des internationalen Rechts[12]. Die Insel befand sich eindeutig in bourbonischem Gewässer, da sie ein Bestandteil des geographischen und geomorphologischen Ganzen der Inseln Pantelleria, Lampedusa und der anderen bourbonischen Inseln war (vgl. ebd.). Am 17. August erließ Ferdinand II ein königliches Dekret, in dem er die Insel für das Königreich beider Sizilien in Besitz nahm. Die Insel wurde Ferdinandea getauft, da das Eintreffen des Königs Ferdinands II auf Sizilien mit dem geologischen Ereignis zusammentraf. Die Etna wurde mit Kartographen an Bord entsandt, um die Insel in die bourbonischen Seekarten aufzunehmen. Die neapolitanischen Soldaten warfen den Union Jack ins Meer (vgl. Internetquelle IX). Wenig später landeten die beiden Franzosen Constant Prevost (Geologe) und Eduard Joinville (Maler) auf der Insel und tauften sie in Anlehnung auf den „Geburtsmonat“ der Insel ihrerseits Giulia / Julie (vgl. Internetquelle X). Die Eindrücke des Malers Antoine Eduard Joinville von der Insel können heute im Luovre bestaunt werden (L´ile de Julia).

England, Frankreich und das Königreich beider Sizilien stritten sich vehement um den Besitz der Insel. Die territorialen Forderungen machten einen drohenden casus belli wahrscheinlich.


Abbildung IV: Die Insel Ferdinandea

Quelle: Internetquelle XI


In diesem Streit wurde deutlich, daß sich Ferdinand II energisch gegen jegliche Beschneidung seiner Souveränität wehrte (vgl. Selvaggi 1996:17). Während der Konflikt weit entfernt von einer Lösung war, beseitigte Gott Neptun diesen Apfel der Zwietracht und die Insel versank wieder in den Fluten.

“In diesem gespannten diplomatischen Klima wurde das Verschwinden der Insel nicht nur aus geologischem Gesichtspunkt als Gegen-Wunder gesehen“ (vgl. Internetquelle IX).


Domenico Macaluso konstatiert ebenfalls das „friedenserhaltende Verschwinden“ der Insel:

„Aber das Meer beschwichtigte die Gemüter der Rivalen. Um einen passenden Euphemismus zu gebrauchen: Es wurde Wasser aufs Feuer geschüttet“ (Internetquelle XII).

Filippo D´Arpa publizierte ein Buch mit dem Titel „L’isola che se ne andò“, das eine Metapher auf die Lächerlichkeit der Macht darstellt. Die Lächerlichkeit beziehe ihre innewohnende Komik aus der Tatsache, daß es wegen eines völlig wertlosen Felsen fast zum Krieg zwischen England, Frankreich und dem Königreich beider Sizilien gekommen wäre

(vgl. Internetquelle XII). Aus diesem Vorfall um eine „Eintagsfliegen-Insel“ lässt sich der Stellenwert Siziliens ermessen. Wenn schon ein schroffer, von Schwefelschwaden in gelblichen Nebel gehüllter Felsen fast zur Ursache eines Kriegs geworden war, können die im folgenden beschriebenen Sachverhalte um eine ebenso kommerziell, wie strategisch wichtige Insel nicht verwundern.

 

Exkurs:

Das Abkommen von Montego Bay, das 1982 getroffen wurde, weist die Besitzrechte an Ferdinandea Italien zu. Die Insel Ferdinandea liegt auf der kontinentalen Plattform Italiens, die bis 200 Meilen  vor die italienische Küste reicht (vgl. Internetquelle IX). Und trotzdem wurden im Jahr 2000, als heftige seismische Aktivitäten das Wiederauftauchen der Inseln ankündigten, prompt britische Ansprüche laut. In der britischen Presse erschienen Artikel mit folgender Head-Line: „A long vanished piece of the British Empire is about to resurface“ (vgl. ebd./ Internetquelle XIII). Nach den erneuten britischen Forderungen setzte sich eine Vielzahl von italienischen Rechtsexperten mit diesem Thema auseinander.[13]

Der Herzog von Kalabrien, Prinz Carlo di Borbone, übergab am 10. November 2000 in einer feierlichen Zeremonie die Insel dem sizilianischen Volk (vgl. IX.). Unter Wasser wurde ein Gedenkstein mit folgender Inschrift angebracht:

Questo lembo di terra, una volta isola ferdinandea, era e sera sempre del popolo siciliano.”(Diesel Zipfel Erde, der einmal die Insel Ferdinandea war, war und wird immer dem sizilianischen Volke gehören) (vgl. ebd.).


Abbildung V: Der Gedenkstein zu Ehren des sizilianischen Volkes

Quelle: Internetquelle XII


Nur wenig später wurde der Gedenkstein zerstört. Die Fischer in diesen Gewässern sprachen von der Präsenz eines ihnen unbekannten Kriegsschiffes (vgl. ebd.). Am 06. September erhob Felice Cavallaro im Corriere delle Sera den Vorwurf, daß der britische Secret Service den Stein zerstört habe (vgl. ebd.). Der Streit schwelt also nach 172 Jahren immer noch.

 

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VI.2) Penelope Smith:

Im Winter 1835 verliebte sich der Bruder Ferdinand II, der Prinz von Capua, in eine hübsche Irin namens Penelope Smith (vgl. Acton 1962:115). Am Geburtstag des Königs informierte er Ferdinand II über seine Heiratspläne. Ferdinand II machte mit allem Nachdruck deutlich, daß er der Ehe mit einer Bürgerlichen in keinem Falle zustimmen würde (vgl. ebd.:116). Nach einem heftigen Streit ergriff der Prinz von Capua in Begleitung seiner späteren Frau die Flucht. Am 12. März 1836 erließ Ferdinand II ein Dekret, daß kein Mitglied der königlichen Familie ohne seine Erlaubnis das Land verlassen darf und daß eine Heirat ohne den Segen des Königs als nicht gültig betrachtet wird (vgl.ebd:117). Der König begründete sein Vorgehen damit, daß er die notwendige Autorität ausüben müsse, um den Glanz des Thrones in seiner Reinheit zu bewahren (vgl. ebd.). Temple schrieb an seinen Bruder Palmerston am 04.April 1836:

„Auch wenn eine rechtskräftige Hochzeit vor der katholischen Kirche gefeiert würde, bliebe die Ehe ohne Wert, was die bürgerlichen und politischen Rechte betrifft, sprich Frau Smith könnte weder den Titel, noch den Namen des Prinzen Carlo tragen und ihre Kinder würden nicht als Mitglieder der königlichen Familie betrachtet“ (vgl. ebd.).

In der Zwischenzeit hatte Carlo Penelope in Gretta Green geheiratet. Doch Ferdinand II blieb unversöhnlich. Später forderte er, daß Carlo die Heirat als „a la main gauche“ auffassen, auf seinen Titel verzichten und nach Brünn ins Exil gehen solle (vgl. ebd.: 122). Palmerston ergriff für den Prinzen und seine Frau Partei, um daraus politisches Kapital zu schlagen (vgl. ebd.:123). Er stellte den nach England geflohenen Prinzen unter seinen Schutz (vgl. Curato 1989: 42). Palmerston bezeichnete das Verhalten Ferdinands als kleinlich, armselig, grausam und rachsüchtig (vgl. Campolieti 2002:123.). Er verurteilte mit allem Nachdruck die Tyrannei Ferdinands gegenüber seinem Bruder (vgl. ebd.:124). Für die zahlreichen Exil-Neapolitaner wurde der Prinz zum lebenden Symbol eines Opfers des Despotismus (vgl. Acton 1962:388).

Die Tatsache, daß Palmerston persönliche und politische Ziele verfolgte, wird vor dem Hintergrund, daß in England ebenfalls ein Royal Marriage Act bestand und heute noch besteht, besonders klar. Die New York Sun zeigt die sich dahinter verbergende Logik auf:

“Wenn England und das englische Volk jemanden eines Deliktes bezichtigen, das sie auch selbst begangen haben, müssen die Alarmglocken klingen. Vor allem wenn sie von Moral sprechen, bedeutet das, daß eine Annexion in Sicht ist“ (De Biase 2002:61).

Die Unterstützung des Prinzen von Capua beschreibt Acton als Beleidigung für Ferdinand II (vgl. Acton 1962:143). Der Prinz von Capua lebte in der Folgezeit London und häufte einen Berg von Schulden an. Palmerston forderte, daß der König die Schuld von 36.000 Dukaten ausgleiche (vgl. ebd.:144). In zahlreichen Philippika unterstützte Palmerston die Forderung, daß Penelope Smith den Titel einer Prinzessin erhält, da sie ja schließlich nur die „Frau ihres Mannes“ sein wolle (vgl. ebd.:148). Des Weiteren machte sich Palmerston dafür stark, daß der Prinz von Capua 4000 Dukaten monatlich erhalten solle. Palmerston beschuldigte Ferdinand II, daß er niemals das Testament seines Vaters veröffentlicht hätte, da er sich heimlich die Carlo hinterlassenen Reichtümer angeeignet hätte (vgl. Campolieti 2002:227). Die Taktik Palmerstons bestand darin, den Hass zwischen den beiden Brüdern immer mehr zu schüren (vgl. ebd.). Der  Prinz von Capua wurde zum Etikett der antibourbonischen Propaganda (vgl. ebd.). Wie Palmerston den Vorfall instrumentalisierte wird aus seinen Entgleisungen gegenüber dem neapolitanischen Abgeordneten Versace deutlich:

„Ihr König soll auf der Hut sein. Er ließ seinen Bruder mit so vielen unerfüllten Wünschen und Forderungen von Gläubigern zurück, daß er sich rächen wird. Er erklärt in aller Öffentlichkeit, daß er ein Opfer unsensibler Verwandten ist. Er wird Dinge enthüllen, auch falsche, um die ganze Öffentlichkeit gegen Ferdinand II aufzuwiegeln“ (vgl. ebd.).

Vor dem Hintergrund dieses Streits verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Höfen deutlich (vgl. ebd.:189).


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VI.3 Vermengung der persönlichen und politisch-kommerziellen Motive bei Lord Palmerston

Die persönliche Geringschätzung Ferdinands II durch Palmerston ist ebenfalls ein wichtiger Strang im Erklärungsbündel des Untergangs des Königreiches beider Sizilien. Palmerston hegte persönlichen Groll gegen König Ferdinand II, da dieser Carlo die Hochzeit mit Penelope Smith, seiner Nichte, versagt hatte (vgl. De Biase 2002:55). Auch Campolieti verweist auf das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Penelope Smith und Palmerston (vgl. Campolieti 2001:189). Insbesondere in der im Folgenden beschriebenen Krise um den Schwefel sieht Thomson die persönliche Abneigung Palmerstons gegenüber Ferdinand II als eine der treibenden Kräfte (vgl. Thomson 1989:148). Diese persönliche Antipathie, die auf Differenzen bezüglich der Staatsphilosophie beruhte, verhinderte eine Annäherung zwischen beiden Männern (vgl. ebd.:149). Die von Thomson stammende Formulierung des „persönlichen Duells zweier willensstarker Männer“ trifft die innere Dynamik der sich stets  verschlechternden Beziehungen zwischen den beiden Staaten (vgl. ebd.). Palmerston verflocht die im Folgenden beschriebene Handelsaffäre mit der Affäre um Penelope Smith und seiner persönlichen Abneigung gegenüber Ferdinand II (vgl. Campolieti 2001:227).


VI.4  Der „Schwefelkrieg“

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte England eine eindeutige Hegemonialstellung auf Sizilien etabliert (vgl. Thomson 1989: 57.). Die ständige englische Präsenz am Hofe beider Sizilien war Mitte des 19. Jahrhunderts schon zur Tradition geworden. An der Seite von Ferdinand IV stand die graue Eminenz John Francis Edward Acton, der eine stark filobritannische Politik betrieb (vgl. De Biase 2002:16). Die Präsenz John Actons am Hofe von Neapel im Verbund mit günstigen Handelsverträgen sicherte die Vorherrschaft Englands im Mittelmeer. Die napoleonische Besatzung des Festlandes ermöglichte Großbritannien die Besetzung der Insel Sizilien (vgl. Thomson 1989:26). Während der napoleonischen Kriege war William Bentinck zwar prima facie für die Sicherung und den Schutz der bourbonischen Dynastie auf Sizilien verantwortlich, doch hinter den Kulissen unterstützte er einen Aufstand mehrerer Barone gegen die Bourbonen und verhielt sich eher wie ein Overlord, als ein Alliierter (vgl. Thomson 1989:147). Zu dieser Zeit wurde sich die Regierung ihrer Majestät auch der enormen strategischen Bedeutung der Insel und des rasch zunehmenden Wohlstandes der Briten bewusst (vgl. ebd.). Nach Kriegsende wurden die britischen Truppen zwar aus Sizilien abgezogen, doch die „virtuelle Hegemonie“ bestand in Form günstiger Handelsverträge weiter (vgl. ebd.). Die Garantien des 1816 firmierten Handelsvertrages sicherten die kommerzielle Kontrolle (vgl. ebd.). Am 26. September 1816 wurde ein Vertrag[14] unterzeichnet, der die Einfuhrzölle britischer Waren in die Häfen des Königreichs beider Sizilien um 10% verringerte (vgl. ebd.:37). Luigi Blanch bezeichnete diesen Vertrag als „Navigation Act in reverse“, da er die britischen Handelsinteressen stark unterstützte und ihnen deutliche Vorteile auf dem sizilianischen Markt verschaffte (vgl. ebd.). Neapolitanische Schiffe konnten demzufolge Sizilien nicht so günstig beliefern wie die britischen (vgl. ebd.). Die Briten wurden nach und nach zur beherrschenden Seemacht in den Gewässern um Sizilien. Waren es 1835 und 1836 noch 23 Schiffe, so waren es 1840 schon 37 (vgl. ebd.:52). Die enorme Nachfragesteigerung nach Schwefel und die Expansionsbestrebungen der britischen Geschäftsleute verstärkten die Notwendigkeit zur Kontrolle Siziliens (vgl. ebd.). Am 21.06. 1821 erklärte Lord Castelreagh im englischen Unterhaus:

Quant a la nature des relations entre l´Angleterre et la Sicile, quoique le gouvernement eut  toujours éprouve une estime et un intérêt véritables pour la nation sicilienne, cependant, ce ne fut pas uniquement pour ce motif que les troupes britanniques furent stationnées dans l´île, ni pour assurer le bonheur du peuple qui l´habitait. Ce ne fut en effet qu´une occupation militaire (Aceto 1827 : 161).

 

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Die Bedeutung des Schwefels

„Die wertvollste Ressource der Insel war der Schwefel, der vier Fünftel der weltweiten Nachfrage befriedigte“ (Acton 1962:140).

Dem Schwefel kam im 19. Jahrhundert die heutige Bedeutung von Erdöl zu (vgl. De Biase 2002: 24). 80% des Schwefels auf dem Weltmarkt stammten aus Sizilien (vgl. ebd.). Del Boca beschreibt die Bedeutung des Schwefels im 19. Jahrhundert sogar mit der des Urans heutzutage (vgl. Del Boca 2003:176). Zur damaligen Zeit wurde der Schwefel zur Herstellung von Schießpulver genutzt. Auf sechs Teile Salpeter kam ein Teil Holzkohle und ein Teil Schwefel (75:12,5:12,5) (vgl. Ortenburg 1986:49).


Abbildung VI: Schwefelvorkommen in Sizilien (Insel Vulcano)

Quelle: Photographie des Verfassers der vorliegenden Arbeit


Die Nachfrage nach Schwefel stieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer weiter an (vgl. Giura 1973:281). Wie der Export des sizilianischen Schwefels nach England zunahm, wird anhand folgender Grafik deutlich.


Abbildung VII: Export des Schwefels nach Großbritannien in Tonnen

Quelle: Giura 1973:282


Die internationale Nachfrage nahm derart zu, daß die bestehenden Schwefelminen den Bedarf nicht mehr decken konnten (vgl. Giura 1973:282). Vor diesem Hintergrund stiegen die Preise enorm an. Der sizilianische Schwefel erreichte 1834 mit 45 tari[15] für einen cantaio seinen Höchststand (vgl. ebd.). 1832 wurden mehr als 400.000 quintali (ein quintalo = zwei Doppelzentner) Schwefel exportiert, was einem Betrag von etwa 1.283.000 Dukaten entsprach. Die Produktion erreichte 1832 900.000 quintali. Das eigentliche Rückrat der sizilianischen Wirtschaft, die Landwirtschaft, hatte unter der Gier nach Schwefel erheblich zu leiden (vgl. Thomson 1989:19). Der Schwefelboom wirkte sich nachteilig auf die Landwirtschaft aus, da viele Arbeitskräfte in die Mienen abwanderten und fruchtbares Land nach Schwefelvorkommen umgegraben wurde (vgl. ebd.). Während neue Mienen wie Pilze aus dem Boden schossen, entstand durch die enorme Nachfrage falsche Sicherheit (vgl. edb.:13). Der Rekordpreis von 45 tari / cantaio sorgte dafür, daß die Produktion immer weiter ausgedehnt wurde. Dies führte dazu, daß die Produktion am Maßstab des Wunschdenkens orientiert wurde und nicht am tatsächlichen Bedarf. Der vorhandenen Schwefel und die Nachfrage klafften allmählich immer weiter auseinander, bis schließlich eine Überproduktionskrise eintrat. In den Bestimmungsländern wurden Depots angelegt, die genug Schwefel für 18 Monate lagern konnten. Die Überproduktion führte zu einem enormen Preissturz (vgl. ebd.:14). Hatte der cantiao Schwefel noch 1833 mit 45 tari seinen historischen Höchstpreis erreicht, so viel er 1836 auf 16,75 und schließlich 1837 auf 13,5 (vgl ebd.).


Abbildung VIII: Preis des Schwefels in tari pro cantaio

Legende: In Rot sind die Jahre des Schwefelbooms und der anschließende Preissturz gekennzeichnet.

Quelle: Giura 1973:285



Der Preis fiel ins Uferlose, da die Produktion nicht verringert wurde. Schließlich wurde der Schwefel zwei tari billiger auf den Markt geworfen, als er in den Mienen kostete. Dies führte dazu, daß die Besitzer der Mienen den ohnehin schon kärglichen Lohn der Arbeiter von drei auf zwei carlini reduzierten. Die notwendige Drosselung[16] oder Einstellung des Abbaus blieb nicht zuletzt deshalb aus, da die Besitzer befürchteten, daß die stillgelegten Mienen vom Wasser überflutet würden. Dies ruinierte den Markt völlig. Die Preise fielen so weit, daß 1837 das Unternehmen Verona und Messineo aus Palermo 10.000 cantaia Schwefel für 9,5 carlini anboten, ohne eine Käufer zu finden. Die kapitalarmen sizilianischen Unternehmer mussten oft zu Spottpreisen an wohlhabende englische Unternehmer verkaufen und langsam aber sicher hatte sich eine erdrückende Hegemonialstellung ausländischer Kapitalisten entwickelt. Das „monopolio dell´oro siciliano straniero sulla poverta siciliana“, das Monopol des sizilianischen ausländischen Goldes auf dem Rücken der sizilianischen Armut, wurde errichtet (vgl. Thomson 1898:17). Vom Schwefelboom der Jahre 1832 bis 1834 profitierten vor allem die ausländischen Investoren (vgl. ebd.:15).


Abbildung IXa/b: Der Arbeitsalltag der  Carusi

Quelle: Internetquelle XIV


Auf seiner Sizilienreise hatte Ferdinand II das Gebiet der Schwefelminen besucht und ein wüstenhaftes, schmutzig gelbes Gebiet vorgefunden, in dem zu Skeletten abgemagerte Männer und Kinder[17] (die so genannten Carusi) aus den Löchern der Schwefelminen krochen, um ihren König zu sehen (vgl. Campolieti 2001:226). Campolieti vergleicht die Landschaft mit den Höllenkreisen Dantes. Die Luft war schwer und stank (vgl. ebd.). Die Arbeiter riefen ihrem König zu:

Maiesta, aiutaci, liberaci dai mister che ci affamano“(vgl. ebd.). (Majestät, helfen sie uns, befreien sie uns von den Herren, die uns hungern lassen).

Die ständig steigende Nachfrage nach Schwefel erzeugte kein Interesse, die Bedingungen des Abbaus zu verbessern (vgl. Thomson 1989:8). Acton beschreibt das Verhalten der Engländer folgendermaßen:

„Die Engländer, Besitzer dieser giftigen Hügel, wurden beschuldigt, unangemessene Mittel zum Abbau in den Mienen einzusetzen und sich nur egoistisch bereichern zu wollen“ (Acton 1962:140).

Es wurden Abbautechniken gefördert, die gefährlich und schädlich waren (vgl. ebd.:8). Um 1830 existierten keinerlei Pläne zur Verbesserung des Abbaus, der Einführung von Maschinen oder der Ausbildung von geschultem Personal (vgl. ebd.). Billige Arbeitskräfte und garantierter Export verhinderten das Aufkommen von Eigeninitiative zur Verbesserung der Produktionsbedingungen (vgl. ebd.).

Vor diesem Hintergrund mußte die neapolitanische Regierung so schnell wie möglich eine Lösung finden, um den totalen Zusammenbruch des einst blühenden Wirtschaftszweiges zu verhindern. Des Weiteren mußte erreicht werden, daß die Gewinne auch dem Land zugute kamen, in dem sie erwirtschaftet wurden. Um der Lage in Sizilien Herr zu werden, mussten die materiellen Verhältnisse der Sizilianer verbessert werden. Daher schaffte Ferdinand II die Steuer ab, die die ärmsten Schichten am meisten belastete: Die Steuer auf Mehl (vgl. Curato 1989:42).

Ferdinand II übertrug das Schwefelmonopol an ein französisches Unternehmen namens Taix-Aycard mit Sitz in Marseille (vgl. Del Boca 2003:176). Die neu ausgehandelten Bedingungen waren im Vergleich zu den bisherigen eindeutig vorteilhaft. Im Folgenden sollen einige Artikel aus dem insgesamt 27 Artikel umfassenden Vertrag vorgestellt werden (vgl. Thomson 1989:21):

1)      Taix-Aycard verpflichteten sich jährlich die gesamte Produktion des sizilianischen Schwefels aufzukaufen.

2)      Um den Überabbau zu verhindern, sollte jeder Mienenbesitzer von dem Unternehmen jährlich 150.000 Dukaten für die Verringerung des Abbaus bekommen. Damit sollte erreicht werden, daß nicht mehr als 600.000 cantaia Schwefel auf den Markt kommen.

3)      Die Preise für Schwefel innerhalb der einzelnen qualitativen Abstufungen wurden pro cantaio festgeschrieben.

4)      Das Unternehmen erhielt das Monopol für den  Abbau des Schwefels für zehn Jahre.

5)      Jährlich mußte das Unternehmen 20 Meilen Straßen auf eigene Kosten in Sizilien bauen.

6)      Die neapolitanische Marine sollte eine Prämie von 10 grano pro befördertem cantaio erhalten. Ein Drittel[18] des Exports mußte durch die neapolitanische Marine befördert werden.

7)      Das Unternehmen mußte jährlich 1000 Dukaten an das Armenhaus des Prinzen von Palagonia bezahlen.

8)      In den ersten vier Jahren des Vertrages mußte das Unternehmen die Konstruktion einer Fabrik für die Produktion von acido zolforoso, zolfato di soda und Soda  bezahlen. Des Weiteren durften dort nur Sizilianer beschäftigt werden, um die bisher noch unbekannte chemische Industrie auf die Inseln zu bringen und dort durch ausgebildete Fachkräfte zu verankern.

 

Wenig verwunderlich mag erscheinen, daß die bisherigen Profiteure des Schwefelabbaus, die Engländer und zum Teil auch Franzosen, gegen diesen Vertrag Sturm liefen und von ihren Regierungen Unterstützung forderten. Den ausländischen Forderungen begegnete Ferdinand II mit dem Hinweis, daß bis dato ausländischer Reichtum auf dem Rücken der sizilianischen Armut angehäuft wurde (vgl. Giura 1973: 298). Des Weiteren sah Ferdinand II im neuen Vertrag folgende Vorteile (vgl. ebd.):

1)                 Die Besitzer der Mienen könnten mit höheren Renditen rechnen.

2)                 Die Landwirtschaft würde geschützt, da die giftigen Schwefelgase verringert würden.

3)                 Der Handel und die Industrie würden durch die neu errichtete chemische Industrie einen Aufschwung erfahren.

4)                 Die Handelsflotte würde durch den gesicherten Transport und die Prämienregelung profitieren.

5)                 Durch den Straßenbau und die neue chemische Industrie würden neue Arbeitsplätze geschaffen.

6)                 Durch die Beseitigung der Armut würde sich die Regierungsfähigkeit Siziliens erhöhen und die öffentliche Ordnung  könnte leichter aufrechterhalten werden.

7)                 Durch den ausländischen Kapitalzufluß und die neuen Arbeitsplätze würde Sizilien erheblich profitieren.

 

Thomson fast die Vorteile des neuen Vertrages folgendermaßen zusammen:

Not only did the contract offer a solution to the problems of the sulphur industry, but it also addressed the larger questions of Sicilian economic and political conditions. There were provisions for agricultural improvement, the introduction of new industries, technological guidance, and invitations for needed capital. Moreover, the government was in the position to gain from Sicily´s stability and prosperity and would benefit from what amounted to an export duty on sulphur which would facilitate the abolition of the grist tax “(Thomson 1989:23).

Der Druck der ausländischen Unternehmer auf ihre Regierungen wurde trotz der vielen Vorteile für Sizilien immer größer. England griff den Vertrag aufs Schärfste an, da der französische Handel bevorzugt und der englische benachteiligt würde. Hieran wird die Bedeutung des folgenden bei Thomson formulierten Sinnspruches deutlich:

Let but a hand of violence be laid upon an English subject, and the great British lion, which lies couchant in Downing Street, begins to utter menacing growls and shake his invincible locks (vgl. Thomson 1989:57).

Des Weiteren würde der Vertrag einen eindeutigen Bruch des 1816 unterzeichneten Vertrages darstellen. Doch die Regierung des Königreichs beider Sizilien blieb unnachgiebig und wies mehrmals darauf hin, daß man nichts anderes als freien Handel wünsche und lediglich verhindern wolle, daß eine Handvoll Engländer allein die Früchte eines Monopols ernteten. Als der Vertrag in Kraft trat, wollte sich England jedoch nicht damit abfinden. Palmerston übte Druck auf den neapolitanischen Gesandten in London, Graf Ludolf, aus, indem er ihm offizielle Schritte androhte. Des Weiteren wies Palmerston darauf hin, daß unter diesen Bedingungen der gemeinsame Kampf gegen die albanische Piraterie sofort eingestellt würde (vgl. Giura 1973:309). Ferner drohte Palmerston damit, daß alle bilateralen Handelsverträge aufgelöst würden, sollte der Vertrag nicht zurückgenommen werden (vgl. ebd.:310). Anläßlich des Festessens zur Krönungsfeier Königin Viktorias beleidigte Palmerston den Gesandten Neapels schwer, indem er ihm und der Regierung, die er vertrat, unehrenhaftes, unehrliches Verhalten vorwarf (vgl. Curato 1989:43). Am 28.01.1840 schrieb Palmerston an Temple:

The injury which the sulphur monopoly is occasioning to British merchants is so great that the matter will soon be brought under discussion in Parliament, and unless Her Majesty´s Government are enable without any further delay whatever to announce to Parliament that the monopoly has been put an end to, Her Majesty´s Government will be compelled to take measures which would be very painful to Her Majesty´s Government” (Thomson 1989:75).

 

Trotz der Vielzahl und Vehemenz der Drohungen ließ sich Ferdinand II nicht einschüchtern:

„Ich bleibe Herr in meinem Haus. Ich realisiere meine Projekte auch, wenn die Engländer meine Hauptstadt mit ihrer Flotte bedrohen“ (vgl. Curato 1989:44).

Ferdinand II ließ die britische Regierung wissen, daß die Klausel der nazione piu favorita aus dem Vertrag von 1816 ihn nicht von der Pflicht entbinde zum Wohle seiner eigenen Untertanen zu handeln. Doch Palmerston antworte in einer sehr deutlichen Depesche, daß die englische Regierung keineswegs damit einverstanden sei. Palmerston negierte die Aussage Ferdinands II, daß ein Staat nicht Privilegien und Immunität an Ausländer vergeben könne, die über die der eigenen Untertanen hinausgehen (vgl. Giura 1973:312). Palmerston mahnte:

“In Ländern, in denen die Regierung willkürlich und despotisch ist und keiner Verantwortung oder Bremse unterworfen ist, kann es geschehen, daß Launen, der Mangel an politischen Kenntnissen, das Vorurteil, das private Interesse oder ein schlechter Einfluß verursachen, daß ein ungerechtes und unpolitisches Dekret erlassen wird, das dem Volke dieser Staaten großen Schaden zufügt [...]“ (vgl. ebd.).

Der Konflikt spitzte sich zu. Ab dem 17. April 1840 enterten britische Schiffe die neapolitanischen. Der Konteradmiral Winnington-Ingram schildert in seinem Werk „Hearts of Oak“, wie die englischen Schiffe operierten: Die Talbot lief mit dem Befehl aus Corfu aus,

neapolitanische Schiffe zu entern. Sie hisste die österreichische oder neapolitanische Flagge, um möglichst nahe und unerkannt an die neapolitanischen Schiffe heranzukommen (vgl. Acton 1962:151). Unter dem Kommando von Admiral Stafford wurde die englische Flotte in den Golf von Neapel geschickt, um dort die Ein- und Ausfahrt in die Häfen zu blockieren (vgl. De Biase 2002:26). Mit der Auseinandersetzung ging England von der informellen Kontrolle zur Gunboat diplomacy über (vgl. Thomson 1989:1). Ferdinand II unternahm seinerseits Vorkehrungen für den Kriegsfall und setzte 12.000 Mann nach Sizilien in Marsch. Im Brustton der Überzeugung erklärte er, daß er auch wenn es seinen Tod bedeuten würde, nicht nachgeben werde, da er im Recht sei (vgl. Acton 1962:149). Wie hartnäckig er den englischen Drohungen widerstand wird aus folgendem Satz deutlich:

„Es gab eine Zeit, da brachte Neapel ganz Europa zum Zittern. Ich sage ja nicht, daß es auch heute noch zittern muß. Aber wir müssen daher noch lange nicht deswegen zittern“(vgl. ebd.).

Die Höfe in Russland, Preußen und Österreich versuchten den drohenden Krieg zu verhindern. Der Handelskrieg war nur einen Schritt weit davon entfernt, sich zu einem richtigen Krieg auszuweiten (vgl. Del Boca 2001:64). Metternich konstatierte, daß niemand wolle, daß der Schwefel des Ätna ganz Italien in Flammen setzten würde (vgl. ebd.). Ferdinand II mußte den Vertrag zurücknehmen und die englischen Händler für den erlittenen Verlust entschädigen. Am 21. Juli 1840 wurde ein neuer Vertag unterzeichnet, der den status quo ante praktisch wieder einführte (vgl. ebd.:64).

Del Boca sieht als Konsequenz aus diesem Handelskrieg, daß die Freundschaft und das Vertrauen zwischen den beiden Staaten ein für allemal zerstört war (vgl. ebd.). Der heftige Streit konnte zwar auf dem Papier beigelegt werden, doch als Nachwirkung blieb Groll und Misstrauen (vgl. Del Boca 2003: 177).

Falls die Entscheidung, den Sturz der Bourbonen vorzubereiten, noch ihre letzte entscheidende Bestätigung erhalten mußte, so war dies mit der Schwefelaffäre erfolgt (vgl. ebd.). Es war die Zeit gekommen, alles vorzubereiten und den richtigen Moment abzuwarten (vgl. ebd.).

 

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VI.5)   Die Verneinung Gottes

Vier publizistische Werke[19] haben das Ansehen des Herrscherhauses des Königreiches beider Sizilien nach und nach immer weiter zerstört. Den größten Schaden unter diesen Werken dürften die Letters to Lord Aberdeen aus der Feder von Gladstone angerichtet haben.

“Was ich beschreiben will, hat mit bloßer menschlicher Unzulänglichkeit, Korruption auf niederer Ebene und einem gelegentlichen Übermaße an Strenge nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um die systematische, willkürliche Verletzung des Rechts gerade durch jene Kreise, die über das Recht zu wachen und es zu bewahren berufen sind. Ich will zeigen, wie das humane und verbriefte Recht mit Füßen getreten wird zu dem eindeutigen Zweck, jedes andere und ungeschriebene und ewig feststehende Recht göttlichen wie menschlichen Ursprungs zu brechen; wie die Tugend, sobald sie mit Intelligenz gepaart ist, ohne Unterschied der Verfolgung ausgesetzt ist- und zwar so unbegrenzt, daß man wahrheitsgemäß behaupten kann, daß ganze Stände der Gesellschaft davon betroffen sind. Die Regierung wendet unerbittliche grausame und dabei ganz und gar gesetzwidrige Maßnahmen an, um alles geistiges Eigenleben und jede Einzelinitiative im Keim zu ersticken – mit anderen Worten alles, was auf materiellen Fortschritt und die Verbesserung des Lebensstandards abzielt [....] Die herrschende Macht, die nicht von der Behauptung zurückschreckt, in ihr sei das Ebenbild Gottes auf Erden zu erblicken, ist nach Ansicht der überwältigenden Mehrheit der urteilsfähigen Menschen[20] allen nur erdenklichen Lastern verfallen. Ich habe selbst den leider nur allzu treffenden Ausspruch gehört: „E la negazione di Dio eretta a sistema di governo- Es ist die Verneinung Gottes, die zum Regierungssystem erhoben wurde“ (Hibbert 1970:172)

Lord Morley beschreibt in seiner Biographie wie es zur Entstehung der Letters to Lord Aberdeen kam:

„Gladstone wurde mit seinem brennenden Humanismus unbewusst und unfreiwillig von Italien angezogen. Er fuhr ohne jegliche politische Absichten der Propaganda nach Neapel. Ma c´etait plus fort que lui. Das einzige Gesprächsthema waren die

Prozesse. Temple, Fagan und Giacomo Lacaita[21] öffneten ihm die Augen hinsichtlich der Zustände in Neapel, indem sie ihm schreckliche Geschichten über die Tyrannei der Bourbonen und die barbarische Behandlung der politischen Gefangenen erzählten. Voller Entrüstung wollte er diese Schrecken mit eigenen Augen sehen“ (vgl. Acton 1962:339).

Den Schriften von Nisco ist zu entnehmen, wie sich die Begegnung zwischen ihm als politischen Gefangenen und Lord Gladstone im Kerker von Nisida zugetragen haben soll:

„Wir waren seit einer Woche in Nisida, als der berühmte Staatsmann, der heute Großbritannien regiert, in Begleitung einer jungen Neapolitanerin, aus niedrigem Stande von Geburt, doch von hohem Stande der Seele und der Sitten, Pasqualina Proto, die einen Bruder im Gefängnis von Nisida hatte, der aufgrund von politischen Gründen dort einsaß, unbemerkt dort eintrat. Ohne daß die Wachen Verdacht schöpften, konnten wir mit Gladstone reden (Nisco 1884: 301f).

Gladstone kam nach Neapel, um den Prozessen vor dem Gran Corte Criminale gegen die führenden Köpfe des Aufstandes von 1848 und gegen die führenden Köpfe[22] der Loge der Unita Italiana beizuwohnen. Einige der besten und eloquentesten Anwälte Neapels hatten die Verteidigung[23] übernommen (vgl. Acton 1962:338). Durch das rhetorische Geschick und die zahlreichen Diplomaten im Publikum, die nur zu gerne das hörten, was sie hören wollten, verwandelte sich der Prozess gegen die Angeklagten in einen Prozess gegen die Regierung (vgl. ebd.). Der britische Botschafter Temple wohnte nahezu allen Prozessen bei (vgl. Curato 1989:125). Temple galt unter den Angeklagten als Beschützer und so war es alltäglich, daß sie sich freundschaftliche Gesten zukommen ließen (vgl. Acton 1962:338). Des Weiteren war stets sein Attache Fagan anwesend, der ein enger Freund von Poerio war. Die englischen Diplomaten grüßten die Angeklagten und hatten häufig die Möglichkeit zu Gesprächen (vgl. ebd.). Die internationale Presse nutzte den Prozeß, um das Königreich beider Sizilien weiter zu diskreditieren. Panizzi veröffentlichte den Abschiedsbrief Settembrinis, den er in Erwartung des Urteils an seine Frau  geschrieben hatte (vgl. ebd.). Palmerston erklärte, Ferdinand II sei nicht der tyrannischste aller Herrscher, sondern der dümmste (vgl. ebd.:126).

Am 17. Juli 1851 übersandte Gladstone seine Briefe an Lord Aberdeen. Die Briefe wurden in mehrere Sprachen übersetzt und in alle Winkel Europas verbreitet (vgl. Acton 1962:348). Palmerston sorgte dafür, daß alle britischen Gesandten die Schreiben erhielten und die Herrscher und Höfe an denen sie akkreditiert waren, darüber in Kenntnis setzten (vgl. ebd.). Im House of Commons lobte Palmerston den Einsatz von Gladstone überschwänglich:

„Anstatt Zerstreuung zu suchen, in dem er in Vulkane hinabsteigt oder verschütte Städte erkundet, hat er Gefängnisse besichtigt, (...) hat die Fälle der Opfer von Ungerechtigkeiten der Justiz studiert und versucht die öffentliche Meinung in Europa zu informieren“ (vgl. ebd.).

Des Weiteren postulierte Palmerston, daß er die Verbreitung der Briefe voll und ganz unterstütze, da er die Ideen teile und hoffe, daß die Herrscher Europas zugunsten der politischen Gefangenen Neapels intervenieren werden (vgl. ebd.). Während Gladstone über Nacht zur Symbolfigur des Liberalismus und zum Säulenheiligen der Exil-Italiener wurde, wurde das Königreich beider Sizilien immer mehr zum Inbegriff des Schreckens auf Erden.

Heute weiß man, daß Gladstone weder ein Gefängnis von innen gesehen, noch mit Gefangenen gesprochen hat (vgl. Alianello 1998:14 /21). 1888 kehrte Gladstone unter tosendem Beifall der liberalen Partei nach Neapel zurück. In diesen Kreisen wurde er für seine Letters to Lord Aberdeen beglückwünscht, die der Revolution so einzigartig geholfen haben. Gladstone gestand daraufhin, daß er im Auftrage Lord Palmerstons geschrieben habe, weil die Gelegenheit nach seiner Rückkehr günstig war. Er gab weiterhin zu, niemals einen Fuß in ein Gefängnis gesetzt zu haben und daß er die ihm von Rivoluzionari zugetragenen Aussagen als für mit eigenen Augen gesehen ausgab (vgl. Colacino u.a. 2001 / Nicoletta 2001:29).

Gondon ist ebenfalls zu entnehmen, wie fehlerhaft und künstlich die Briefe aus der Feder Gladstones waren:

„Sie erinnern sich ohne Zweifel, daß in dieser Arbeit alles auf dem ‚man sagt’ beruhe; die schwersten Anschuldigungen hielten die Untersuchung nicht aus“ (Gondon 1856:34).

In einer zweiten von Gladstone publizierten Broschüre nahm er viele seiner Verleumdungen zurück:

„Ich habe nichts erfahren, daß die von mir als wahrscheinlich aufgeführte Aussage bestätigte, daß Settembrini gefoltert worden sei. Ich halte es für meine Pflicht, sie zurückzunehmen“ (Gondon 1856:35).


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VI.6)  Die Instrumentalisierung der öffentlichen Meinung

Die Bewegung des Risorgimento war nicht zuletzt durch den systematischen Einsatz von Lügen und Propaganda gekennzeichnet. Die hinter diesem gezielten Einsatz von Lügen stehende Taktik beschreibt Jules Gondon wie folgt:

„Um König Ferdinand Sizilien zu entreißen muß man natürlich sein Volk gegen ihn aufbringen und seiner Regierung die Popularität entziehen: Was entfernt ein Volk weiter und diskreditiert einen König mehr als die Lüge?“ ( Nicoletta 2001:115).

Ferdinand II wurde in der Presse zur Personifikation des Teufels (vgl. Curato 1989:73). Er wurde zur dunkeln, bösen Fläche, die den notwendigen Kontrast zu den in gleißendem Lichte glänzenden Helden des Risorgimento bildete (vgl. ebd.). In den Journalen von Turin und London wurde Ferdinand II zum blutigen Caligula (vgl. Gondon 1856:51).

„Ferdinand der Zweite war die Zielscheibe für die Pfeile unserer Patrioten; er war für sie der schlechteste Tyrann Italiens. Seine Schergen wurden Wilde genannt, seine Kerker waren berüchtigt wegen ihrer Abscheulichkeit. Keiner durfte den Mund auftun, sonst wurde ihm ein Maulkorb angelegt.“ (Panzini 1940:260).


Abbildung X: Die Schrecken des Jahres 1848 (Ferdinand II in der Mitte der Darstellung)

Quelle: Associazione Torino Citta Capitale Europea (1998):154


Während das Bild Ferdinand II immer blutrünstiger und grausamer gezeichnet wurde, wurde Carlo Poerio zum Modell eines Märtyrers hochstilisiert (vgl. Curato 1989:128). Die antibourbonische Kampagne hatte in Poerio ihr Emblem gefunden (vgl. ebd:131). Carlo Alianello gibt in seinem Werk „La conquista del Sud“ die Worte von Petruccelli della Gattina bezüglich Poerios wieder:

„Poeriowar eine Erfindung der englischen und französischen Presse. Als wir Europa [...] gegen die Bourbonen aus Neapel aufstachelten, brauchten wir dringend eine Personifikation der Verneinung dieser schrecklichen Dynastie, brauchten wir dringend eine Person, die wir jeden Morgen den treuen Lesern im freien Europa als lebendiges, sichtbares Opfer des  Mörders Ferdinand präsentieren konnten [....] Also haben wir den Poerio erfunden. Poerio war ein Mann des Verstandes, ein Ehrenmann, ein Baron, der einen berühmten Namen trägt, und er war Minister. Daher erschien er als die geeignete Person, um zur Antithese von Ferdinand zu werden, und so geschah das Wunder“ (vgl. Alianello 1998:25).

Auch Gladstone rühmte das Opfer bourbonischer Justiz, indem er seine Qualen übertrieb und den Unterdrücker dadurch noch verhasster erscheinen ließ (vgl. ebd.). So wurde der Zorn in der öffentlichen Meinung immer mehr geschürt (vgl. ebd.).

Im Dezember 1853 beklagte sich die Times, daß der König von Neapel die ganze Welt verhöhne:

„Der Bourbon von Neapel beliebt, nach und nach die Vereinten Staaten, Frankreich und Großbritannien zu insultieren. Eine dieser Mächte würde mit zwei Linienschiffen[24] den König eben so leicht von seinem Throne stoßen, wie ein Bedienter ein Spinngewebe mit dem Besen wegschafft“ (Gondon 1856:27).

Die Verbreitung des Titels Re Bomba und der Briefe aus der Feder Gladstones werden von Ressa u.a. als Glieder einer ganzen Kette von Verleumdungen gegen das Königreich beider Sizilien beschrieben (vgl. Ressa 2002: 41). Nach der heftigen Auseinandersetzung um Schwefel ging England im Verbund mit den Liberalen Piemonts dazu über, subtilere Waffen, wie die gezielt verbreitete Lüge, einzusetzen (vgl. ebd.:41). Das gesamte Leben und Werk Ferdinands II wurde von der Lüge begleitet (vgl. Spagnoletti 1997:88).


Der britische Blätterwald

Fraser`s Magazine beschreibt den Einfluß der öffentlichen Meinung wie folgt:

Public opinion, always the strongest and most terrible sanction in the affairs of private life, now bears with irresistible weight upon political affairs” (vgl. Krautheim 1977:22).

Die unmittelbare Vorgeschichte des Krimkrieges zeigt deutlich, welchen Einfluß die Presse auf Entscheidungen zwischen Krieg und Frieden haben kann (vgl. ebd.:34). Zuerst unterstütze die Times den defensiven Kurs Lord Aberdeens, der sich wachsender Kritik - vor allem durch Palmerston - ausgesetzt sah. Als die Times plötzlich ihre Unterstützung für die defensive Politik des Prime Ministers einstellt, muß Lord Aberdeen dem Druck aus Öffentlichkeit und Parlament nachgeben (vgl. ebd.). Das Phänomen der „Russophobie“ schlug in politische Aktion um (vgl. ebd.).

Karl Marx beschreibt in einem für die New York Daily Tribune 1861 geschriebenen Artikel den Stellenwert der Times:

„Das englische Volk nimmt an der Regierung seines eigenen Landes teil, indem es die Zeitung ‚The Times’ liest“ (vgl. Marx: 21.10.1861, in Ausgabe 1961).

Marx beschreibt die englische Öffentlichkeit als völlig unwissend über die Außenpolitik ihres Landes, da die Aristokratie in allen ihren auswärtigen Angelegenheiten für sie handelte und die Presse für sie dachte (vgl. ebd.). Seit Beginn des 19. Jahrhunderts haben die großen Londoner Tageszeitungen ständig die Rolle von Anwälten für die höchstgeborenen Führer der englischen Außenpolitik gespielt (vgl. ebd.). Palmerston hatte die absolute Macht über die Führung der nationalen Belange des britischen Imperiums inne und bestimmte somit die Außenpolitik (vgl .ebd.).

Er setzte bewusst die Presse ein, da er die Auffassung vertrat, daß die öffentliche Meinung selbst den Willen autokratischer Herrscher in Schranken halten könne (vgl. Wentker 1993: 32). Dieser gezielte Einsatz der Presse wird durch folgendes Zitat deutlich:

„Raise public opinion against her and you double her difficulties. I am all for making a clatter against her. (vgl. Palmerston an Melbourne, 10.04.1836, zitiert in Wentker 1993:34).

Gondon beschreibt die öffentliche Meinung in England bezüglich der italienischen Frage, die von der Rednerbühne herab und in der Presse geschürt wurde:

„Wenn es sich um Italien handelt, gibt es in England gar wenig Meinungsverschiedenheit. Die Verblendung ist so groß, daß man selbst Gemäßigte fände, die eine Intervention in den beiden Sizilien mit Beifall aufnehmen, und sogar Katholiken, die den Papst seiner weltlichen Macht ohne große Unruhe beraubt sehen würden (Gondon 1856:3)

 

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VI.7)   Die Außenpolitik Ferdinands II : Die verteidigte Unabhängigkeit

Jahrzehntelang hatten die politischen Verpflichtungen Ferdinands IV und der Sanftmut  Francesco I die Interessen Großbritanniens garantiert. Doch mit Ferdinand II sollte sich dies ändern. England sah nun die Notwendigkeit, die enormen finanziellen Besitztümer und Investitionen seiner Untertanen in Sizilien zu schützen (vgl. Del Boca 2001:63). Aus Sicht Englands war es natürlich sinnvoller, nicht die Investitionen und Besitztümer aufzugeben, sondern die Regierung zu stürzen (vgl. ebd.).

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre das Königreich beider Sizilien ohne Eingriffe fremder Mächte von außen eine blühende Oase gewesen. Ferdinand wollte nichts anderes, als in Ruhe gelassen zu werden, auf seine Weise die Angelegenheiten regeln, neapolitanisch eben (Campolieti 2001: 343).

Kurz nach dem Regierungsantritt Ferdinands II bemerkten die ausländischen Beobachter, daß er weder england-, frankreich-, noch österreichfreundlich ausgerichtet, sondern in erster Linie auf die Unabhängigkeit seines Reiches bedacht war (vgl. Ressa u.a 2002:38). Mit Ferdinand II war die Epoche der Unterordnung der neapolitanischen Interessen unter diejenigen fremder Mächte vorbei (vgl. Selvaggi 1996:11). Selvaggi beschreibt den König als absolut filonapoletanisch (vgl. ebd.). Die hartnäckige Verteidigung der Unabhängigkeit sollte paradoxerweise zum Untergang des Königreiches beider Sizilien führen (vgl ebd.). Ferdinand lebte seine „Napoletanita“ (vgl. Campolieti 2001:332). Napoletanisch war seine bevorzugte Sprache. Auch in linguistischer Hinsicht lebte er die vollständige Unabhängigkeit seines Königreiches vor (vgl. Selvaggi 1996:11). Ferdinand II steuerte einen strengen Kurs des Isolationismus. Seine Außenpolitik war davon bestimmt: Non farne nessuna con nessuno (vgl. Montanelli 1993:299). Um sich noch mehr nur nach seiner Weise regieren zu können, hätte er am liebsten sein Reich mit einer chinesischen Mauer umgeben (vgl. ebd.). Im Krieg 1859 verhielt er sich streng neutral, da ihn die Dinge nicht betreffen würden (vgl. ebd.). Am Sterbebett mußte Francesco seinem Vater Ferdinand II versprechen, daß er seine Politik der Unabhängigkeit fortführt (vgl. Del Boca 2001: 104). „Amico con tutti e nemico con nessuno“ bedeutete, daß sich das Königreich beider Sizilien nicht in Angelegenheiten außerhalb seiner Grenzen verwickeln ließ (vgl. ebd.). Angebote zu Verteidigungsallianzen lehnte Ferdinand II ab, da er sich zwischen acqua santa und acqua salata sicher fühlte[25] (vgl. ebd.). Er war in der Tiefe seines Herzens antibritisch (vgl. Curato 1989:41). Ferdinand II bezeichnete die Engländer als baccalaiuoli (Stockfischfresser) (vgl. De Biase 2002: 16). Besonders das Verhalten der Engländer während der Zeit des Prokonsulates von Lord Bentinck verurteilte er scharf (vgl. Curato 1989:18) Thomson beschreibt die Effekte der vehement verteidigten Unabhängigkeit des Königreiches auf Großbritannien:

Finally, the British government was accustomed to havings ist way with Naples for many years. Faced with resitance from unexepted quarters, Palmerston reacted with anger and disbelief. It was unthinkable that an autocratic ruler of a lesser state, whose role was to cooperate or acquiesce, would presume to challenge the government of a great power” (Thomson 1989:148).

Der politische Kurswechsel machte Ferdinand in den Augen Palmerstons unbequem (vgl. Ressa u.a. 2002:40). Die hartnäckig verteidigte Unabhängigkeit des Königreich Neapels stand im schroffen Gegensatz zu der demagogischen Agitation Palmerstons (vgl. Campolieti 2001: 332). Für Palmerston war jeder Unteran seiner Majestät ein civis romanus und konnte daher auf die Unterstützung der britischen Flotte zählen (vgl. ebd.).

„Soviel Überheblichkeit und Rücksichtslosigkeit mußte mit dem partenopäischen[26] Stolz der Autonomie Ferdinands II kollidieren“ (ebd.).

Henry de Jouvenel prägte ein Bonmot, das besagt, daß für England Freiheit das Recht anderer Völker bedeute, im englischen Interesse zu handeln (vgl. De Biase 2002:11). Vor diesem Hintergrund mußte in den Augen der Briten die so definierte „Freiheit“ dringend wiederhergestellt werden.

 

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VI.8)   Die englische Unterstützung während der Revolution 1848

„Im neapoletanischen Lotto steht die Zahl 48 für Revolution“ (vgl. De Biase 2002:34).

Die am 12. Januar 1848 losbrechende Revolution auf Sizilien war ebenso wenig zufällig wie spontan (vgl. Internetquelle XV). Sie wurde von der führenden Klasse auf der Insel, die aus den großen Latifondisten bestand, organisiert, die sich der Unterstützung durch Großbritannien sicher waren (vgl. ebd.). England war insbesondere aufgrund des Weinhandels im Westen der Insel und der Schwefelgewinnung im Osten immer bestrebt, eine Art Protektorat über die Insel und ihre Wirtschaft auszuüben (vgl. ebd.). Bei den Aufständen 1848 unterstützte die englische Flotte die Sizilianer (vgl. Acton 1962:245). Der Kommandant Lyon versorgte die Aufständischen mit Waffen und Munition[27] und die Kapitäne der britischen Schiffe salutierten vor der sizilianischen Flagge (vgl. ebd.). Lord Minto wurde als Vermittler nach Sizilien geschickt, um zwischen den aufständischen Sizilianern und der Krone zu verhandeln. In Wirklichkeit tat er alles, um den Konflikt weiter zu schüren (vgl. Internetquelle VI). Mit dem Vorwand die Interessen und Besitztümer der britischen Landsleute zu schützen, wurde Lord Minto zwar nach Sizilien entsandt, doch er wurde zu einer Art geheimer Ratgeber der sizilianischen Regierung (vgl. Internetquelle XII). Selvaggi beschreibt seine Art des Handelns als „soffiare sul fuoco“, was soviel wie ins Feuer blasen bedeutet (vgl. ebd.). Lord Minto erklärte am 16.09.1848:

„Die Engländer haben ein klar definiertes Interesse hinsichtlich des Schicksals und der politischen Verhältnisse auf dieser so wichtigen Insel im Mittelmeer“ (vgl. De Biase 2002:41).

Kurz vor der Rückeroberung Siziliens durch die Bourbonen brachten die Engländer den Führer der provisorischen Regierung, Ruggero Settimo, in Sicherheit (vgl. ebd.:42).

 

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VI.9)   Der Krimkrieg

Zar Nikolaus I hatte das Erbe seiner Vorfahren aufgenommen und setzte alles daran, Russland zur Herrschaft über den Bosporus zu verhelfen und damit den Zugang zum Mittelmeer zu öffnen (vgl. Gugolz 1965:3). Aus zwei Gründen mußte England verhindern, daß sich Russland am Bosporus festsetzt. Erstens hätte ein Ausgreifen des Zaren über das Schwarze Meer hinaus die ohnehin schon gefährliche russische Machtstellung im Osten Europas derart verstärkt, daß das europäische Gleichgewicht ins Wanken geraten wäre; und zweitens wäre es für ein in Konstantinopel sitzendes Russland ein leichtes gewesen, die Kontrolle über das östliche Mittelmeer zu erringen und im Anschluß den englischen Handel in Indien und in der Levante empfindlich zu stören (vgl.edb.4). 

Ferdinand II hegte große Sympathien für Zar Nikolaus I (vgl. Acton 1962:370). Curato beschreibt ihn sogar als russophil (vgl. Curato 1989:134). Ferdinand II und Zar Nikolaus I verband eine gemeinsame Weltanschauung, der Stolz die Unruhen des Jahres 1848 aus eigener Kraft überstanden zu haben und die tiefe Antipathie gegen Piemont (vgl. ebd.). Im Streit zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche um die Heiligen Stätten stellte sich Ferdinand II sogar auf die russische Seite (vgl. ebd.).

Palmerston rügte in einer Sitzung im Unterhaus am 07.08.1855 heftig die partenopäische Neutralität im Krimkrieg:

„Bei mehr als einer Gelegenheit hat die neapolitanische Regierung ihre Feindlichkeit gegen England und Frankreich gezeigt, indem sie die Ausfuhr von Gegenständen verbot, die ihre Neutralität nicht zu verbieten verlangte“ (Gondon 1861:11).

Während des Krimkrieges verbot Ferdinand II den Export von Rindern zur Verpflegung der Heere, weigerte sich gegen die griechischen Piraten vorzugehen, die den englischen und französischen Schiffen das Leben schwer machten, weigerte sich dem franco-englischen Bündnis beizutreten, negierte die Anfrage, den Hafen Brindisi den beiden Mächten als Basis zur Verfügung zu stellen und lies nicht zu, daß die Dampfschiffe, die zwischen Marseille und den Dardanellen verkehrten, eine Kohlenstation in Messina einrichten konnten (vgl. ebd.:138). Das Königreich beider Sizilien verwies mit Nachdruck auf seine strikte Neutralität (vgl. Acton 1962:372). Die Beziehungen zu Frankreich verschlechterten sich zunehmend, besonders als die Ausfuhr von Schwefel und 1000 von einem französischen Händler gekauften Rindern für die Armee auf der Krim, untersagt wurden (vgl. ebd.). Die „freundschaftliche Neutralität“ Ferdinands II wurde durch die Presse heftig verurteilt (vgl. ebd.:373). Palmerston ergriff im Unterhaus das Wort, um die erneuten Ausschreitungen des neapolitanischen Polizeiapparates zu verurteilen:

„Neben denjenigen Personen, die einen Bart und den cappello flosico tragen und daher für Mitglieder oder Sympathisanten der Unita Italiana gehalten werden, können alle Personen als regierungsfeindlich betrachtet werden und daher ins Gefängnis geworfen werden. [...] Daher hat niemand Vertrauen in die Regierung oder die Justiz, jeder Bürger fürchtet, daß sein Nachbar ein Spion sein könnte und ihn aus Antipathie oder um sich bei der Polizei lieb Kind zu machen, verrät (vgl. Acton 1962:374).

 

Wie sich die Präferenzen des Königs beider Sizilien geändert haben, wird in symbolischer Weise an zwei Vorfällen deutlich. Anläßlich seines Geburtstages hatte Ferdinand II seine Aufmerksamkeit den russischen Gesandten geschenkt, während er die britischen Gesandten keines Blickes würdigte (vgl. Del Boca 2001:64). Als Erinnerung an seinen Besuch 1845 schenkte der Zar Ferdinand II zwei Gruppen bronzener Pferde (vgl. Acton 1962:198). Ferdinand II lies diese Figurengruppen am Eingang des „Giardino all´inglese“ neben dem Theater San Carlo aufstellen (vgl. ebd.). Die Befürchtung, daß Russland nicht nur hier vor England in der Gunst des Königs stehen könnte, festigte die britische Entschlossenheit, den Sturz des Königs herbeizuführen. Bezüglich des zunehmenden Einflusses Russlands im Königreich beider Sizilien erklärte Palmerston besorgt:

„Wir sehen im Königreich Neapel einen fremden politischen Einfluß wachsen und sich mehren; umsonst würde man sich bemühen, die Thatsache zu verbergen, daß Russlands Einfluß im Königreich vorherrschend sei, und wir können dort auch die Art und Weise beobachten, wie dieser russische Einfluß in einem durch ein weites Ländergebiet von seinem Reiche getrennten Lande in souverainer Weise herrscht“ (Gondon 1861:11).


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VI.10) Die Affäre Mazza

Der Polizeidirektor von Neapel, Mazza, war von Anfang an bei Temple und Fagan verhasst. Sie warteten nur auf eine günstige Gelegenheit Mazza zu stürzen (vgl. Acton 1962:367/ Campolieti 2001:393). Die gespannte Lage zwischen England und dem Königreich beider Sizilien spitze sich weiter zu, als Mazza im August 1855 Fagan aus der Loge der Theaterdirektoren im Theater Del Fondo verwies. Es war verboten, sich dort aufzuhalten und Fagan wurde aufgefordert, die Loge zu verlassen (vgl. ebd.).

“Es gibt eine Vorschrift, die Ausländern den Zugang zu den Tribünen der Theaterdirektoren verbietet, wenn sie dort keiner Arbeit oder einem Dienst nachgehen. Nun tut es mir leid, ich muß Herrn Fagan auffordern zu gehen. So will es das Gesetz“ (Campolieti 2001:395).

Temple nutze die Gelegenheit, um daraus Kapital zu schlagen und schrieb:

„Der neapolitanische Polizeidirektor Mazza hat die Bevölkerung dazu aufgefordert, keinen freundschaftlichen Kontakt mit den britischen Gesandten zu unterhalten.“ (Acton 1962:367.).

Gondon beschreibt die Instrumentalisierung dieser Affäre durch die englische Presse.

„Gewisse Journale immer bereit, Missverständnisse, die sich mit den Regierungen Italiens ergeben können, zu übertreiben, haben erzählt, daß Herr v. Fagan, einer der vorzüglichsten Attaches der englischen Gesandtschaft in Neapel, im Theater Del Fondo vom Polizeiminister beleidigt worden sei“ (Gondon 1861:21).

Sollte Mazza nicht seines Postens enthoben werden, könne man keine ernsthafte Verbesserung der Zustände im Innern des Landes erwarten und die britische Gesandtschaft könne sich nie sicher sein, daß sich solche Vorfälle nicht wiederholen würden (vgl. ebd.). Palmerston brachte den Vorfall natürlich ins Parlament (vgl. Camopolieti 2001:394). In England wurde durch die Presse die Stimmung weiter aufgeheizt. Die Times forderte eine Strafexpedition gegen Neapel. Commodore Perry verglich Ferdinand II mit den Shogun und es sei unzumutbar einen „weiteren Japaner“ nur wenige Seemeilen von Malta dulden zu müssen (vgl. ebd.:376). Die österreichische Botschaft setzte Ferdinand II davon in Kenntnis, daß die britische Flotte bereit sei, gegen Neapel vorzugehen (vgl. ebd.). Vor diesem Hintergrund mußte Mazza zurücktreten. Die Londoner Blätter hatten anlässlich dieses Vorfalles die öffentliche Meinung so aufgeheizt, daß mehrere Journale zur Bombardierung von Neapel aufriefen (vgl. Gondon 1861:21). Die Times verwies auf eine französische Episode:

„Frankreich behält noch heutzutage Algerien, als Ersatz einer einem Konsularagenten zugefügten Beleidigung, die nicht blutiger war, als die, welche jüngst ein englischer Beamter von einem gemeinen Polizeiagenten erlitten hat. [...] Gäbe es auch keine anderen Beweggründe, so würde es sicherlich am Platze sein, wenn die zwei großen Weltnationen durch eine einfache Willensanstrengung so vielen schaudervollen Uebeln ein Ziel setzten, womit dieser halb verrückte Monarch und seine Polizei Tausende unseres Gleichen, um nicht zu sagen, Millionen unterdrücken. Wenn die englischen und französischen Kreuzer im mittelländischen Meere Fahrten machen, wäre es ein großes Uebel, wenn sie in die Bai einführen, daselbst einige Stunden verweilen, und die Sachen ein wenig in gute Ordnung brächten?“ (Gondon 1861:21).

Nach dem erzwungenen Rücktritt von Mazza nahmen die zahlreichen in den Untergrund gedrängten und zur Untätigkeit verdammten Mitglieder der Logen neuen Anlauf ihr konspiratives Werk zu vollenden (vgl. Acton 1962:402).

 

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VI.11   Das Attentat auf König Ferdinand

Am 08.12.1856 verübte Agesilao Milano ein Attenat auf König Ferdinand II. Der König wurde durch einen Stich mit dem Bajonett nur leicht verletzt (vgl. Acton 1962:404). Milano war Soldat und nutzte die Gelegenheit einer Parade, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Da die treuen schweizerischen Truppen an einen Aufstand der napoletanischen Soldaten glaubten, wollte der Befehlshaber der Schweizer schon den Schießbefehl erteilen (vgl. ebd.). Nur ein persönlicher Befehl Ferdinands II verhinderte dessen Ausführung (vgl. ebd.). Für die Presse in Turin und England wurde Milano zum Märtyrer (vgl. ebd.:405). Der Korrespondent der Times verhalf Freunden und Mitwissern von Milano zur Flucht (vgl. ebd.:407). Der König wollte auch in diesem Falle - wie so oft - die Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe umwandeln. Doch General Nunziante wandte sich vehement gegen die Aufhebung des Todesurteils. Das Motiv, das Hinter diesem Handeln steckte, war keineswegs die Liebe zu seinem König:

„Der größte Befürworter der Todesstrafe war General Nunziante, ein Mitglied der Freimaurer. Das Motiv der Befürwortung war Agesilao Milano den Mund zu stopfen, damit er keine kompromittierenden Enthüllungen über die Hintermänner machen konnte“ (Internetquelle V).

General Alessandro Nunziante und andere Verschwörer aus der Entourage des Königs hatten das Attentat organisiert (vgl. Campolieti 2001:398). Der Attentatsversuch war die Frucht einer aufwendig vorbereiteten international geplanten Aktion, Ferdinand II zu beseitigen (vgl. ebd.). Der Attentatsversuch verdeutlicht, daß Teile der Spitzen des Königreiches beider Sizilien bereits unterwandert waren.

Am 17. Dezember 1856 explodierte in Neapel ein Pulvermagazin und am 04. Januar 1857 das Dampfschiff Carlo Terzo, das mit Munition und Waffen beladen auf dem Weg nach Sizilien war (vgl. ebd.:407). Die Gesamtheit dieser Ereignisse führte zu einem enormen Vertrauensverlust Ferdinands II in seine Armee.

 

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VI.12) Pariser Kongreß

Angesichts der sehr russlandfreundlichen Haltung Ferdinands II im Krimkrieg wurden die Mißstände in Neapel auf dem Pariser Kongreß zur Sprache gebracht. Cavour hatte es durch die Entsendung eines bescheidenen piemontesisches Truppenkontingentes auf die Krim geschafft, die italienische Frage international zur Sprache zu bringen. Sowohl der französische Außenminister Walewski, als auch Lord Clarendon sprachen sich vehement gegen die Missstände im Kirchenstaat und dem Königreich beider Sizilien aus (vgl. Acton 1962:377). In Bezug auf das Königreich beider Sizilien versicherte Clarendon zuerst seine Abneigung sich in die inneren Verhältnisse anderer Staaten einzumischen (vgl.: Pelliciari:173). Doch dann räumte er ein, daß es angesichts eines solch beklagenswerten Staates die Pflicht der zivilisierten Länder sei, dem König dieses Landes die Stimme der Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu Gehör zu bringen (vgl. ebd.). Clarendon erklärte, daß England von seinem Nichteinmischungsprinzip abgehen müsse, da die Zustände im Königreich beider Sizilien eine Gefahr für die Ruhe Italiens darstellten (vgl. Acton 1962: 377.). Clarendon drohte mit handfesten Konsequenzen, wenn Ferdinand II keine Amnestie befehlen und die Türen der Gefängnisse öffnen würde (vgl. ebd.). Die Vorwürfe aus dem Munde Clarendons gegen die päpstliche Herrschaft und das Königreich beider Sizilien waren von solcher Schärfe und Heftigkeit, daß Cavour folgende Zeilen an Emanuele D´Azeglio schrieb:

„Ich kann Ihnen versichern, daß es für einen italienischen Staatsmann unmöglich gewesen wäre, einen energischeren und wahreren Vorwurf gegen die römische Herrschaft zu formulieren“ (Pelliciari 2000:172).

Mit den Worten Clarendons handelte es sich bei der päpstlichen Herrschaft um die schlechteste Regierung der ganzen Welt und einer Schande für Europa (vgl. ebd.). Ohne eigene Repräsentanten auf dem Kongreß zu haben, wurde die päpstliche und neapolitanische Regierung vehement angegriffen. Als Temple und Brenier, die Botschafter Englands und Frankreichs ihre Depeschen mit den Forderungen nach einer weitgehenden Amnestie übergaben, erklärte ihnen Botschafter Carafa, daß König Ferdinand II keine Einmischung ausländischer Mächte in seine Regierungsangelegenheiten dulde (vgl. ebd.). Daraufhin brachen am 21.10.1856 England und Frankreich ihre diplomatischen Beziehungen zum Königreich beider Sizilien ab (vgl. ebd.).

 

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VI.13)  Die Cagliari-Affäre

1857 ereignete sich ein erneuter Zwischenfall, bei dem die Gegensätze zwischen England und dem Königreich beider Sizilien aufeinander prallten. Der zwischen Genua und Sardinien verkehrende Dampfer Cagliari war von Carlo Pisacane[28] und seinen Leuten in Besitz genommen worden und der Kapitän wurde gezwungen, sie zunächst zur Insel Ponza[29] zu fahren und dann im Golf von Policastro an Land zu setzen (vgl. Acton 1962:413). Nachdem

Pisacane an Land gesetzt wurde, um einen Aufstand zu entfachen, wurde der Dampfer von neapolitanischen Kriegsschiffen aufgebracht und die Mannschaft, darunter zwei englische Maschinisten, wurden ins Gefängnis geworfen. Sofort bestand England auf die Herausgabe der beiden Gefangenen Park und Watt, da sie unschuldig in die Angelegenheit verwickelt worden seien (vgl.ebd.417f). Im Besitz der beiden fanden sich jedoch Briefe einer gewissen Jessie White, die als Korrespondentin der Daily News in Italien weilte und eine glühende Verehrerin all derer war, die gegen „Re Bomba“ vorgingen (vgl. Acton 1962:411). Noch vor der Abfahrt Pisacanes am 25.06.1857 hatte sie versucht, Garibaldi zur Teilnahme zu bewegen. Doch Garibaldi lehnte ab, da er sich sicher war, daß ohne eine vorherige Destabilisierung die Sache zum Scheitern verurteilt war (vgl. ebd.). Garibaldi untermauerte seine Ansicht folgendermaßen:

Io non diro agl´Italiani: “Sorgete!” per far ridere la canaglia.” (vgl. Acton 1962:411) (Ich sage den Italienern nicht: Erhebt euch! Um die Kanaille zum Lachen zu bringen).

Die enge Beziehung zwischen Jessie White und Pisacane wird daran deutlich, daß er ihr seine Frau Enrichetta Di Lorenzo vor der Abfahrt anvertraut hat (vgl. ebd.:412). Den Inhalt eines der Briefe, der im Gepäck der beiden Briten gefunden wurde, gibt De Biase wieder:

„Unser Plan ist es, unsere Brüder aus den Gefängnissen von Re Bomba zu befreien, daher helft uns, indem ihr eine gute Aktion macht, die von Italien und England gefördert wird“(De Biase 2002:31).

Die Engländer und Piemontesen bestanden auf der Herausgabe der Gefangenen und des Schiffes, das zur Kriegsbeute erklärt worden war. Im englischen Parlament kam die Angelegenheit häufig zur Sprache, wobei vor allem die Frage der Rechtmäßigkeit des Vorgehens der Regierung beider Siziliens diskutiert wurde (vgl. Ley 1935: 60). Der Innenminister Sir George Grey brachte im Februar 1858 eine Protestnote der Einwohner seines Wahlkreises im Oberhaus ein (vgl. ebd.:61). Darin sprach man sich aufs Schärfste gegen die Verhaftung von Park und Watt aus, da sie eine Kränkung der gesamten britischen Nation darstelle (vgl. ebd.). Unter großem Druck wurden die Gefangenen in die Freiheit entlassen und das Schiff zurückgegeben.

Das klägliche Scheitern der Landung Pisacanes verdeutlichte, daß ohne eine gründliche Destabilisierung des Königreiches keine Aussicht auf Erfolg bestehen würde. Diese Destabilisierung sollte durch systematische Korrumpierung der zivilen und militärischen Spitzen des Landes erreicht werden.


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VI.14   Weitere Streitpunkte

Ein ständiger Zankapfel zwischen den Regierungen des Königreichs beider Sizilien und Englands war über Jahrzehnte hinweg die Forderung der englischen Gemeinde in Neapel, eine Kapelle des anglikanischen Glaubens bauen zu dürfen (vgl. De Biase 2002:18). Doch vor dem Hintergrund des tief verankerten katholischen Glaubens gestattete die Regierung dies nicht. Der ständigen Forderungen nach der Bauerlaubnis begegnete der neapolitanische Botschafter in London, Ludolf, ständig mit Ablehnung (vgl. Curato 1989:41). In diesem Punkt war das Königreich beider Sizilien sprichwörtlich päpstlicher als der Papst, da dieser die Erlaubnis in Rom erteilt hatte (vgl. ebd.).

1852 entzündete sich ein weiterer Streit zwischen den beiden Konfliktparteien. Die napolitanische Polizei erzwang die Schließung einer protestantischen Schule (vgl. De Biase 1992:20). Die enge Anlehnung des Königreiches an den Kirchenstaat traf natürlich auch auf  den Bereich des Bildungswesens zu (vgl. ebd.). In zahlreichen Briefen beschwerte sich die britische Gemeinde Neapels, daß sie ihre Kinder auf katholische Schulen schicken müsse. In diesen Schulen seinen „die Kinder eines Amerikaners von heute auf morgen zu Katholiken geworden“ (vgl. ebd.).

 

VI.15)   Der letzte große Religionskrieg

Das Königreich beider Sizilien war streng katholisch und ein großer Rückhalt des Papstes (vgl. Del Boca 2001:62). Pius IX und Leo XIII waren überzeugt, daß das so huldvoll besungene  Risorgimento nichts anderes als der von der Freimaurerei betriebene Versuch war, die Religion Jesu Christi auszurotten (vgl. Pelliciari 2000:11). Angela Pellicciari verfechtet die These, daß der Angriff auf die katholische Kirche durch das Haus Savoyen und die Freimaurerei während des Risorgimento das letzte Glied in einer langen Kette von Religionskriegen darstellt (vgl.). Der Religionskrieg wurde herbeigeführt, um die Herrschaft der katholischen Kirche zu beenden und um sich der Besitztümer der Kirche zu bemächtigen (vgl. ebd.).


Abbildung XI: Der tiefe Katholizismus Ferdinands II

Quelle: Spellanzon (1960):753


Im Vorwort zu dem Werk „Lage der Dinge in Italien“ von Jules Gondon liest man:

„In dem Augenblick, wo die politische Welt so lebhaft mit der italienischen Frage beschäftigt ist, übergeben wir dem deutschen Publikum ein Buch, worin die unläugbarsten und schlagendsten Thatsachen den grundlosen und vagen Deklamationen entgegengesetzt werden, womit man die öffentliche Meinung gegen den Papst, den König von Neapel und die übrigen konservativen Regierungen Italiens aufzureizen sucht. Wir nennen den Papst zu erst, denn er ist es, dessen weltliche Herrschaft zu stürzen das eigentliche Ziel des protestantischen Englands und der von ihm in Schutz genommenen revolutionären Sekte ist“ (Gondon 1856:III).

Der internationale Rückhalt der italienischen Einigung, der nicht nur in einer carte blanch für das Haus Savoyen, sondern auch in zahlreichen Zahlungen bestand, muß im Bezug auf das oberste Ziel der Freimaurerei gesehen werden: Dem Kampf gegen den Kirchenstaat und der Überzeugung, daß das Ende der weltlichen Herrschaft auch zum Ende der geistigen Herrschaft geführt hätte (vgl. Internetquelle XVI). Il Bollettino untermauert diesen Sachverhalt in der Aprilausgabe 1865:

„Die Nationen erkennen Italien die Existenzberechtigung zu, da sie ihm die wichtige Aufgabe der Befreiung Italiens vom katholischen Joch in Rom anvertraut haben“ (vgl. ebd.).

Die Ideologie der Freimaurerei ist für Pellicciari der Schlüssel zum Verständnis der letzten zweihundert Jahre italienischer Geschichte. Um ihr Programm zu realisieren, war sie darauf angewiesen, die Wiederstandskraft der Katholiken zu brechen. Wie konnte erreicht werden, daß nicht die ganze katholische Welt zum Schutz des Papstes eingreift, die ihn seit Jahrhunderten gegen die Vorherrschaft jeglicher weltlicher Herrscher beschützt hatte? Um diese Gefahr so gering wie möglich zu halten, betrieb die Freimaurerei eine jahrelange Verleumdungskampagne, in der der Kirchenstaat als blutigster, rückständigster und am schlechtesten verwaltete Staat der Erde gebrandmarkt wurde. Gladstone beschrieb die Zustände im Kirchenstaat wie folgt:

La pedanteria incredula fa nido nello Stato Romano; l´assassino e la vendetta proditoria sono una consuetudine, la rapina ed il furto una professione, il contrabbando una industria, la bestemmia una eleganza del discorso” […] (vgl. Cardol 1996:264).

Die Freimaurerei malte den Kirchenstaat in den abschreckendsten Farben. „Die Befreiung Italiens wurde in jeder entscheidenden Phase von der internationalen Freimaurerei vorangetrieben.“ Dieses Zitat stammt von dem Großmeister Armando Corona, der ferner erklärte, daß die Freimaurerei der wahre Motor und die wahre inspirierende Kraft des Risorgimento war (vgl. Internetquelle XVII). Camillo Cavour wird als einer der führenden Köpfe der Freimaurerei beschrieben. Das Journal de Bruxelles schrieb am 19.02 1864:

“Nur 1848, infolge des revolutionären Sturms der Italien durchtobte, wurden die Logen für kurze Zeit sichtbar, in dem Moment jedoch, indem die rechtliche Ordnung wieder hergestellt wurde, verschwanden sie wieder, mit Ausnahme in Piemont, wo sie unter dem Schutze des Präsidenten des Ministerrates standen, nämlich Camillo Cavour, der dann auch Großmeister wurde“(vgl. Internetquelle XVIII).

 

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VI.16)  Die Destabilisierung des Heeres

Das Rückgrat des Heeres beider Sizilien bildeten die vier Schweizer Regimenter. Diese Söldner genossen hohen Respekt, da sie sich durch Treue[30] und Tapferkeit schon mehrfach ausgezeichnet und bewiesen hatten[31]. Diese Treue war der Grund dafür, daß die konspirativen Kreise darauf bedacht waren, daß sie ihren Dienst quittierten (vgl. Acton 1962:458). Unter diesen Truppen kam es am 07. Juli 1859 zu einem Aufstand, der von den loyal gebliebenen Schweizern beendet wurde. In den Taschen vieler Aufständischer wurden insgesamt 100.000 Franc in Gold gefunden (vgl. Del Boca 2001.:66). General Nunziante forderte daher, die Söldner sofort aus dem Dienst zu entlassen.

Seine Motivation wurde bereits beim gescheiterten Attentat auf Ferdinand II deutlich. Nicht nur die Aufständischen, sondern alle Schweizer sollten entlassen werden. Die Schweizer Truppen verließen die Stadt.  Der Botschafter Piemonts in Neapel, Gropello, schrieb an Cavour:

„Ich glaube, daß dieses Ereignis auf lange Sicht hin, enorme Konsequenzen haben wird. Ohne die Schweizer, die sehr diszipliniert sind, verbleibt das Heer beider Sizilien in disaströsen Zuständen, ohne Kampfgeist und intelligente Führung.“ (Del Boca 2001:67).

 

VI.17)  Das Attentat auf Maniscalco

“Mit dem Zweck das größte Hindernis zu beseitigen, das sich ihren Initiativen in den Weg stellte, beschlossen die Verschwörer einen Meuchelmörder zu bezahle.“ (vgl. Acton 1962:477).

Am 27. November 1859 wurde ein Attentat auf den Polizeidirektor Salvatore Maniscalco in Palermo verübt (vgl. ebd.:67). Maniscalco überlebte zwar das Attentat, doch konnte er für  einige Zeit seinen Dienst nicht verrichten. Der Attentäter Vito Farina gehörte der Mafia an. Der Historiker Tomasso Mirabella vertritt die These, daß dieses Attentat die Frucht der Verbindung des organisierten Verbrechens und England war (vgl. ebd.). Um die Landung Garibaldis auf Sizilien vorzubereiten, mußte der effizienteste Mann des bourbonischen Polizeiapparates auf Sizilien aus dem Weg geräumt werden (vgl. ebd.:480). Maniscalco war der Krone so treu ergeben, daß der König der Taufpate eins seiner Söhne wurde (vgl. Internetquelle XIX). Bis zum Zeitpunkt des Attentates hatte Mansicalco Sizilien unter Kontrolle (vgl. Spellanzon 1960:849).

 

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VI.18)    Die systematische Korrumpierung der Spitzen des Königreiches beider Sizilien

„In der Schule haben sie nur Lügen unterrichtet. Auch meinem Sohn haben sie das Märchen der Tausend erzählt, die unter Führung von Garibaldi das Königreich beider Sizilien erobert und 40.000 Mann besiegt haben. Es ist doch klar, daß jede Person mit gesundem Menschenverstand das Ausmaß dieser Lüge erkennt“ (Internetquelle XX ).

Der Sieg der „Tausend“ über die bourbonischen Truppen wurde durch systematische Bestechung errungen (vgl. Del Boca 2001:61). Nach dem Versprechen, mit dem gleichen Dienstgrad in die neue, italienische Armee übernommen zu werden, verkauften sich sowohl die Kommandanten der Schiffe, als auch die Befehlshaber der Landstreitkräfte an die Gegner.

Rund 2300 bourbonische Offiziere wurden in die italienische Armee übernommen (vgl.edb:61). Die enormen Bestechungsgelder sind von den Freimaurerlogen in England, den Vereinigten Staaten und Canada gesammelt worden (vgl. ebd.:64). Die Gelder wurden in türkische Piaster umgetauscht. Der türkische Piaster war eine Art „Euro des Mittelmeeres im 19. Jahrhundert“, da er zur Zahlungsabwicklung im Handel verwendet wurde (vgl. ebd.). Guilio di Vita hat nachgewiesen, daß es sich um Beträge in der Größenordnung von 29 Milliarden Lire handelte (vgl. ebd.).

„Das bourbonische Heer schmolz wie Schnee in der Sonne vor Garibaldi dahin. Dank der englischen Gelder... [...] zogen sich die Truppen vor Garibaldi zurück“ (vgl. Internetquelle XX).

Massino D’Azeglio schrieb in einem Brief am 29.09.1860 an seinen Neffen Emanuele:

„Wenn man ein Königreich mit sechs Millionen Einwohnern und einer Armee von etwa 100.000 Mann sieht, daß mit dem Verlust von 8 Mann und 18 Krüppeln besiegt wird, versteht der, der verstehen will“(Internetquelle XXI).

Die systematische Korruption, die den Erfolg der Operation von Garibaldi ermöglicht hat, ist eindeutig bewiesen. Im Tagebuch von Persano liest man in einem Brief an Cavour im August 1860:

“Ich mußte, eure Exellenz, weitere Summen ausgeben. 20000 Dukaten für Devincenzi, und 2000 für Konsul Fasciotti“ (vgl. Pelliciari 2000:232).

Persano schildert ferner, daß Cavour ihm die Ermächtigung gegeben hat, denjenigen (den bourbonischen Offizieren) Dienstgrade in der italienischen Armee in Aussicht zu stellen, die ein Verhalten der bourbonischen Flotte zugunsten der italienischen Sache fördern (vgl. ebd.:233). In besonderen Fällen hätte er ihm auch die Erlaubnis erteilt, einige Summen zu investieren. Cavour tat alles Erdenkliche, um den Verrat in den Reihen der Bourbonen zu fördern (vgl. ebd.). In einem weiteren Brief an Cavour berichtet Persano über den Erfolg seiner Machenschaften:

„Nun können wir auf den größten Teil der Offiziere der königlichen Marine zählen“ (vgl. ebd.).

Das Ergebnis dieser systematischen Korrumpierung weiter Teile der bourbonischen neuralgischen Zonen war das Wunder, von dem Ippolito Nievo in einem Brief an seinen Freund Bice sprach:

„Welch Wunder! Bice, ich schwöre es Dir! Wir haben gewonnen und noch zögern wir, daran zu glauben!“ (vgl.ebd.234).

Ein bourbonischer Offizier notierte 1862 in sein Tagebuch:

„Die Neapolitaner haben sich nicht wegen Magie vor Garibaldi zurückgezogen, sondern wegen des Goldes“ (vgl. Del Boca 2003:171).

Von König Philipp stammt der Ausspruch, daß keine Festungsmauer so hoch sein könne, daß ein mit Gold beladener Esel sie nicht übersteigen könnte. Die „Mauern“ mit denen Ferdinand II sein Königreich umgeben wollte, waren bei weitem nicht hoch genug.

 

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VII:     Schlußbetrachtung:

Im Verlaufe der Arbeit ist deutlich geworden, daß der Untergang des Königreiches beider Sizilien von England systematisch geplant wurde. Im Verborgenen wurden die notwendigen Vorbereitungen getroffen und der richtige Moment abgewartet (vgl. Del Boca 2001:64).

„Politisch war alles vorbereitet. Man mußte nur noch einen Weg finden, um sich Neapel zu bemächtigen. Der Weg nach Neapel führte über Sizilien. Sizilien war immer in Unruhe. Wie ein Kochtopf, unter dem die Flammen immer geschürt werden, um eine konstante, langandauernde Hitze zu erhalten, um dann schließlich im richtigen Moment den Topf zum Überkochen zu bringen“ (De Biase 2002:73).

Anläßlich eines Besuches in London 1861 bedankte sich Garibaldi in aller Öffentlichkeit bei der Regierung Palmerston:

„Ohne ihre Hilfe hätten wir nicht die Bourbonen absetzen können, geschweige denn wäre es mir gelungen, den Stretto zu überqueren“ (vgl. Nicoletta 2001:33).

In Neapel hatte Garibaldi seine Dankbarkeit bereits zuvor gezeigt, als er den Bau der anglikanischen Kapelle, für deren Errichtung es nie eine bourbonische Zustimmung gab, sofort nach seinem Einzug nach Neapel gestattet hat (vgl. Di Biase 2002.18f).

Im Motivgemenge der britischen Intervention, das sich hinter dem Untergang des Königreiches beider Sizilien verbirgt, verbinden sich unterschiedliche Elemente aller vier von Osterhammel beschriebenen Interventionstypen. Die für den Typus der besitzergreifenden Intervention charakteristischen manipulativ herbeigeführten Instabilitäten zeigen sich deutlich im vorliegenden historischen Fall. Bedarf der von Osterhammel den Briten verliehene Meistertitel in dieser Disziplin einer historischen Bestätigung, so eignet sich dafür das britische Verhalten bezüglich des Königreiches beider Sizilien hervorragend. Das Spektrum der angewandten Destabilisierungstechniken reicht von korruptiven Machenschaften bis hin zu gezielten Attentaten. Die Besonderheit des vorliegenden Falles ist, daß kein „imperialer take-over“ folgte, sondern die „Installierung“ einer befreundeten Regierung. Osterhammel nannte als Ursache einer besitzergreifenden Intervention unter anderem den Zusammenbruch bewährter Koalitionsbeziehungen, die die Sicherheitsinteressen und Wirtschaftsinteressen billiger sichergestellt haben, als formaler Kolonialismus. Die von Ferdinand II betriebene Politik energischer Unabhängigkeit von Großbritannien führte zu einem solchen Zusammenbruch bewährter Koalitionsbeziehungen. Besonders die Schwefelaffäre macht deutlich, daß die britischen Wirtschaftsinteressen empfindlich gestört wurden. Der sich beinahe am Schwefel entzündende Krieg zeigt, wie sich der britische Imperialismus im Sinne von Handelsverträgen zu einer Form beschränkter militärischer Intervention ausgeweitet hat (vgl. Thomson 1989:147). Die außenpolitische Anlehnung Ferdinands II an Russland vor dem Hintergrund der geopolitisch wichtigen Lage des Königreichs beider Sizilien bedrohte zudem noch britische Sicherheitsinteressen. Das für die britischen „reluctant imperialists“ typische Verschleiern der wahren Hintergründe einer Intervention ist ebenfalls deutlich ausgeprägt. In der Presse wurde keine Gelegenheit versäumt, die Schrecken des Terrorregimes Ferdinands II zu verbreiten. Durch die Flut der negativen Meldungen wurde die Schwelle der Ablehnung einer Intervention in England immer niedriger. Symbolische Provokationen, wie die des Schlages mit dem Griff eines Pfauenfederwedels auf französischer Seite, wurden von der britischen Presse geradezu aus dem Nichts gezaubert. Die Affäre Fagan und Mazza verdeutlicht dies. Neben der Überschneidung mit Eigenschaften der besitzergreifenden Intervention bestehen deutliche Berührungspunkte zum Typus der Bick-Stick-Intervention. Das häufige Begründungsmuster der Sicherung des Eigentums von Staatsangehörigen sowie die Gewährleistung ihrer freien wirtschaftlichen Betätigung zeigt sich sowohl in der Schwefelaffäre, als auch generell in der britischen Haltung gegenüber Sizilien. Die Unterstützung der italienischen Einigung durch Großbritannien diente der Sicherung britischer Handels- und Sicherheitsinteressen. Dies sollte auf indirektem Wege durch eine befreundete, neue italienische Regierung erreicht werden. Die von Osterhammel beschriebene Beseitigung feindseliger Staatsautoritäten und Installation von Kollaborationsregimen tritt hier deutlich zu Tage. „Erschreckende Ähnlichkeiten“ mit dem Typ der Big-Stick-Intervention zeigen sich, wenn man den Fall der 1953 durch den konspirativ von Großbritannien und den USA vorbereiteten Sturz des Ministerpräsidenten der iranischen Nationalen Front Muhammed Mussadiq betrachtet. Hatte Mussadiq die Anglo-Iranian Oil Company, die Vorläuferin von British Petroleum (BP), verstaatlicht und so die wirtschaftlichen Interessen Großbritanniens stark beeinträchtigt, so hatte Ferdinand II das „Öl des 19. Jahrhunderts“ an ein französisches Unternehmen gegeben. Sowohl bei der Intervention wegen des Öls, als auch bei der Intervention wegen des Schwefels zeigen sich die gleichen Handlungsmuster. Die jeweils nach der versteckten Intervention erfolgte Installierung von zuverlässigen Verbündeten sicherte die wirtschaftlichen Interessen.

Betrachtet man den Untergang des Königreiches beider Sizilien als eine der Voraussetzungen zur nationalstaatlichen Einigung Italiens, so könnte man die britische Unterstützung auch als Art sezessionistischer Intervention zugunsten nationaler Unabhängigkeitsbewegungen sehen.

Es dürfte jedoch schwer fallen, im Königreich beider Sizilien das italienische Volk zu finden, das aus dem „bourbonischen Völkergefängnis“ ausbrechen wollte. Was die Bedeutung der öffentlichen Meinung betrifft, so zeigen sich jedoch starke Ähnlichkeiten mit dem griechischen Freiheitskampf. So wie die philhellenischen Agitation in der europäischen Öffentlichkeit einen Interventionsdruck aufbaute, so versäumte die antibourbonische / antipäpstliche Stimmungsmache ihre Wirkung nicht. Hatten jedoch die Bilder von Eugene Delacroix, wie das „Massaker von Chois“, einen wahren Hintergrund, so beruhten die Briefe von Gladstone lediglich auf dem Hörensagen. In ihrer Wirkung glichen sie sich jedoch.

Kritisch zu betrachten bleibt der Typ der humanitären Intervention sensu strictu. In der britischen und piemotesischen Agitation zeigen sich besonders in dem von Vittorio Emanuele gehörten „grido di dolore“ (Schmerzensschrei) deutliche Hinweise auf den Versuch einer humanitären Etikettierung der Intervention. Bei der Eröffnungsrede des Parlamentes am 10.01.1859 verkündete Vittorio Emanuele:

„Wir bleiben vom Schmerzensschrei, der aus vielen Teilen Italiens zu uns dringt, nicht unberührt“ (vgl. Internetquelle XXII).

Die Absicht die bourbonische Bevölkerung vor deren eigener verbrecherischer Regierung zu schützen zeigt in diesem Falle deutlich, daß humanitäre Interventionen oft nur Typen anderer vielschichtiger Interventionen sind, die „Kreide gefressen haben“. Aceto verdeutlicht die britische „Kreide“ im Bezug auf Sizilien:

La Grande Bretagne n´occupa donc la Sicile dans aucun but d´avantage ou de bien-être pour le peuple sicilien, mais uniquement dans l´intérêt da sa politique, dans la seule vue d´en faire une position militaire, pour protéger la liberté de l´Europe, et tenter de soustraire l´Italie a la domination francaise “ (Aceto 1827 :163).

So vielschichtig die Hintergründe der britischen Haltung in der italienischen Nationalstaatswerdung auch sind, so spiegeln sich doch immer den britisch-französischen Gegensatz als verhaltensleitendes Muster wieder. In einem Brief Palmerstons an Königin Viktoria am 10.01.1861 werden die Beweggründe für die Zustimmung zur italienischen Einigung deutlich:

„Bezüglich Italiens erinnert Euer Majestät Viscount Palmerston daran, daß er im letzten Sommer erklärt habe, es sei für die englischen Interessen besser, wenn Süditalien eine Monarchie für sich wäre, als wenn es einen Teil eines geeinten Italiens bildete. Viscount Palmerston ist auch heute noch dieser Meinung, weil im Falle eines Krieges zwischen England und Frankreich ein gesondertes Königreich beider Sizilien mit mehr Wahrscheinlichkeit, zum mindesten durch seine Neutralität, für die stärkste Seemacht Partei ergreifen würde, und zu hoffen ist, daß England diese Macht sein würde. Aber dann wäre es nötig, daß die beiden Sizilien als ein unabhängiger und gesonderter Staat gut regiert würden und einen aufgeklärten Herrscher hätten. Das ist unter der bourbonischen Dynastie leider aussichtslos und unmöglich geworden, und kein Engländer könnte wünschen, einen Murat oder einen Prinzen Napoleon auf dem Throne von Neapel zu sehen“(Ley 1935: 130).

Talleyrand antworte einmal einer Dame auf die Frage nach der Bedeutung des Wortes „Nichtintervention”:

Madame, non-intervention est un mot diplomatique et énigmatique qui signifie a peu près la même chose qu´intervention (vgl. Neuhold 1984:33).

Dies wird besonders an der Breite des Interventionsinstrumentariums deutlich, das die Briten während einer Zeit angewendet haben, in der sie offiziell den Noninterventionismus auf einer Fahne vor sich her trugen.

Während des Krimkriegs verwehrte Ferdinand II den britischen Schiffen den Zugang zum Hafen von Brindisi (vgl. Kapitel VI.9). Nach dem Untergang des Königreiches beider Sizilien und der Eröffnung des Suez-Kanals wurde Brindisi zum Einschiffungshafen der legendären Valigia delle Indie. Die Schifffahrtsgesellschaft Penisular and Oriental Steam Navigation Company stellte über den Hafen von Brindisi die Verbindung nach Bombay sicher. In Brindisi wurden die Post, Waren jeglicher Art und nicht zuletzt die Passagiere, die mit dem Direktzug (44 Stunden Fahrt) aus London kamen, an Bord genommen und nach Port Said, Bombay und Kalkutta gebracht (vgl. Internetquelle XXIII). Nicht zuletzt diese Episode verdeutlicht die Bedeutung des heutigen Süditaliens zu damaliger Zeit.


Abbildung XII: Die Einschiffung in Brindisi

Quelle: Internetquelle XXIII

Abbildung XIII: Die Reiseroute von London via Brindisi nach Bombay

Quelle: Internetquelle XXIII

Beschäftigt man sich als „Fremder“ mit der Epoche des Risorgimento, so gerät man zwangsläufig in einen reißenden Strudel zwischen der Skylla der Apologeten des dogmatischen Risorgimento-Mythos und der Charybdis des teilweise nostalgisch verklärten Revisionismus. Ohne von einem Sog der beiden Strömungen erfasst zu werden, scheint sich bezüglich der Geschichte der preunitarischen italienischen Staaten und des Risorgimento die folgende Aussage von Fernand Braudel zu bewahrheiten:

„Die Diskussion ist niemals beendet und es gibt kein Buch, das nicht noch einmal neu geschrieben wird“ (vgl. Internetquelle I).

 

 

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[1] In einem am 03.April 1965 in der ''l'Ora'' di Palermo erschienenen Artikel schrieb Sciascia: „Er hat schlecht über Garibaldi gesprochen: Dieser Schrei hat seit 100 Jahren alle dreckigen und schockierenden Dinge, die in Italien begangen wurden, vertuscht (Internetquelle I).
[2] Das Esercito di franceschiello bezieht sich auf die Armee Francesco II, des letzten Königs beider Sizilien. Als Sprichwort wird es gebraucht, um eine schlecht organisierte und schlecht ausgestattete Organisation zu bezeichnen.
[3] Allein an dieser Namensgebung erkennt man die in der Geschichte Italiens herrschende Verzerrung und Verfälschung. In ganz Ligurien, insbesondere Genua, gilt Vittorio Emanuele, der Re Galantuamo, als der wahre Re Bomba. Nach heftigen Unruhen in Genua hatte er General La Marmora am 10.04. 1849 befohlen, die „Seelen zu beruhigen und die aufgetauchten verlogenen Unterstellungen gegen den König zu zerstören“ (vgl. Del Boca 2001:32). Bei der Bombardierung fanden mehr als 500 Menschen den Tod (vgl. ebd.). Aufgrund dieser Vorfälle konnten die verhassten Bersaglieri mehr als 100 Jahre ihr sogenanntes Raduno Nazionale nicht in Ligurien abhalten (vgl. ebd.). Noch heute fordert das Movimento per un Liguria Indipendente, daß die Reiterstatue Vittorio Emanueles auf der Piazza Corvetto niedergerissen wird.
[4] Das Königreich beider Sizilien umfasst die Königreiche Sizilien und Neapel. Nach der sizilianischen Vesper trugen sowohl der König von Sizilien, da er in realita die Insel beherrschte, als auch der König von Neapel, um nicht die Gebietsansprüche zu verlieren, gleichzeitig den Titel „König von Sizilien.“ Daher konnte man zwischen dem Sizilien „al di qua del faro“ (die Insel) und „al di la del faro“ (Festland, Meridione) unterscheiden. 1443 eroberte Alfons V den Meridione, und nannte sich ab dann: Rex utriusque sicliae.
[5] Das Symbol der Trinacria ziert heute neben der sizilianischen Flagge auch die Flagge der Ils of Men. Als Symbol Siziliens setzt sich die Trinacria aus dem Gorgonenhaupt, deren Haare ineinanderverflochtene Schlangen und Getreideähren sind, und drei am Knie abgekrümmten Beinen zusammen. Die Getreideähren sind das Symbol der Fruchtbarkeit der Insel. Die drei Beine symbolisieren die drei „Extrempunkte“ der Insel: Das Kap Peloro im Nordwesten, das Kap Passero bei Syrakus im Süden und das Kap Lilibeo im Westen.
[6] Die Tausend waren die wohl heterogenste Brancaleone -Armee, an die sich die Geschichte erinnern kann (vgl. Petacco 1994:102). Die Altersstruktur der Mille erstreckte sich von einem elfjährigen Kind, das an der Hand des Vaters mit an Bord kam, über zahlreiche sechzehn- bis siebzehnjährige bis hin zu dem 69 jährigen Tommaso Parodi. Betrachtet man die jeweiligen ausgeübten Berufe wird noch deutlicher, wie wenig militärisch das Unternehmen war: 150 Anwälte, 100 Studenten der Medizin und Ärzte, 100 Kaufleute, 50 Ingenieure, 20 Apotheker und diverse Grundstückseigentümer, Schriftsteller, Ex-Priester , Journalisten und sogar ein  Bildhauer (vgl. Del Boca 2001:52f).
[7] Diejenigen Männer, die den Kontakt zu den cosche der Mafia hergestellt haben, waren Giuseppe La Masa und Giovanni Corrao (vgl. Del Boca 2001:76).
[8] Lord Henry John Temple Palmerston war der wohl populärste und einflussreichste Politiker um die Mitte des 19. Jahrhunderts in England (vgl. Tingsten 2004:19).
[9] Nicola Zitara bezeichnet den Untergang des Königreiches beider Sizilien als „Nascita di una colonia“, die Geburt einer Kolonie. Das Buch Zitaras trägt den Titel L´Unita d´Italia, La Nascita di una colonia.
[10] Nach der Eröffnung des Suezkanals war die Türkei in einer äußert günstigen Position bezüglich des Orienthandels. Daher erklärte sich England zur  türkischen Schutzmacht. Der Meridione Italiens wurde somit zu einer extrem wichtigen logistischen Basis, um Russland die Stirn zu bieten (vgl. De Biase 2002:63).
[11] Zu Ehren von Sir James Robert George Graham.
[12] Zum Zeitpunkt des Auftauchens der Insel war der Bereich des Seesrechtes nur im Bereich des Gewohnheitsrechtes verankert. Hugo Grotius hatte in seinem Werk „Mare liberum“ die Freiheit der Meere postuliert. Die Theorie Grotius wurde von den Engländern gern in Erinnerung gerufen, da sie im Verbund mit ihrer maritimen Übermacht das rechtliche Fundament ihres Empires bildete. Ob die Insel, die rund 20 Meilen vom sizilianischen Festland entfernt liegt, nun res nullibus war oder nicht, lässt sich nicht eindeutig entscheiden.
(vgl. Internetquelle VIII).
[13] Im monatlich erscheinenden Heft der italienischen Marine “Rivista Maritim” hat der für juristische Angelegenheiten zuständige Generalstabsoffizier, Fabio Caffio, einen interessanten Artikel mit einem bezeichnenden Namen verfasst: La disputa virtuale sull´isola Ferdinandea.“
[14] Der Vertrag bevorzugte ohne jeden Zweifel England. Er wurde gewährt, da sich England im Gegenzug verpflichtete, keine sizilianische Separationsbewegung zu unterstützen (vgl. De Biase 2002:13).
[15] Um die im Folgenden häufig verwendeten sizilianischen Gewichte und Münzen fassbarer zu machen werden kurz die gängigsten Einheiten definiert: In der sizilianischen Währung entsprach ein ducato = zehn tari. Ein tari entsprach 20 grani. Ein carlino hatte den Wert eines neapolitanischen tari. Im Bereich der Gewichte entsprach ein cantaio 79,432 Kilogramm (vgl. Thomson 1989:Appendix A).
[16] Die so genannten Picconiere wurden nach der Menge des durch sie abgebauten Schwefels bezahlt. Daher hatten sie natürlich kein Interesse, weniger Schwefel abzubauen. Sie waren bestrebt in der kürzesten Zeit, so viel Schwefel wie möglich abzubauen (vgl. Thomson 1989:7).
[17] Die sogenannten Carusi waren im Schnitt zwischen 10 und 15 Jahre alte Kinder. Diese Kinder mussten den abgebauten Schwefel an die Oberfläche transportieren (vgl. Thomson 1989:8). Thomson beschreibt ihre traurigen Lebensumstände: „They grew up in the pits stunted, deformed, ilitterate, victims of malaria and malnutrition, overworked, and often abused (vgl. ebd.).
[18] Wie vorteilhaft dieser Paragraph für das Königreich beider Sizilien war, wird anhand eines Vergleiches von Goodwin deutlich. Die englischen Redereien mußten dadurch erhebliche Verluste einstecken (vgl. Thomson 1989:69). Goodwin verglich die Zahl der britischen Schiffe, die in den drei Jahren vor Ratifizierung des Vertrages Schwefel beförderten, mit der Anzahl in den drei Jahren danach. Vom 01.01.1835 bis 31.07.1838 waren es 2756 britische Schiffe. Vom 01.08.1838 bis 31.12.1841 waren es nur noch 1488 (vgl. ebd.:70).
[19] Die anderen Werke stammen aus den Federn von Cuoco, Colletta und Settembrini.
[20] Die überwältigende Mehrheit aller urteilsfähigen Menschen wird in ihrer „Größe“ deutlich, wenn man sich mit den Zeilen eines Freundes von Gladstone, nämlich Nassau befasst. Gladstone und der Professor für Ökonomie aus Oxford hatten nur wenig Gutes über die Menschen in den Straßen von Neapel zu berichten (vgl. Campolieti 2001:365). Die Via Toledo war in den Augen von Nassau der verabscheuungswürdigste Ort, an dem er je das Missvergnügen hatte, zu sein (vgl. ebd.:368). Das neapolitanische Volk sei ein Volk von Kindern, die nicht wissen was sie wollen und niemals an zwei aufeinanderfolgenden Tagen das gleiche wollen. In seinem Urteil kommt er zu dem Schluß, daß er nie verabscheuungswürdigere Menschen gesehen habe (vgl. Acton 1962:342). Seiner Meinung nach wäre Neapel ohne die Neapolitaner perfekt (vgl. ebd.).
Gladston stammte aus dem gleichen sozialen Umfeld wie Nassau und teilte diese Vorurteile (vgl. ebd.).
[21] Eine weitere Kontaktperson Gladstones in Neapel war Panizzi
[22] Die führenden Köpfe der Setta dell´Unita d´Italia waren Filippo Agresti, Salvatore Faucitano, Luigi Settembrini und Carlo Poerio. Von den 41 Angeklagten wurden drei zum Tode verurteilt: Settembrini, Agresti und Faucitano. Ferdinand II wandelte jedoch die Urteile in Zuchthausstrafen um (vgl. Acton 1962:344). Acton zieht die Bilanz aus dieser Begnadigung:
„Der Schrecken des Königs vor Blut versetzte seine schlimmsten Feinde in die Lage, noch einmal und mit größerer Geschicklichkeit zuzuschlagen“ (vgl. Acton 1962:344).
[23] Der Prozeß gegen die Mitglieder der Loge begann am 01.06.1850 und die Urteile wurden am 01.02 1851 verkündet (vgl. Curato 1989:124). Der Prozess gegen die Aufständischen aus dem Jahre 1848 begann am 09.12.1851 und endete am 08.10.1852 (vgl. ebd.).
[24] Diese Aussage sollte sich später bewahrheiten. Der garibaldinische Zug der Tausend landete mit zwei Linienschiffen in Marsala / Sizilien.
[25] Die Wendung „zwischen Weihwasser und Salzwasser“ bezieht sich auf die geographische Lage des Königreiches beider Sizilien, das nur eine Landgrenze zum Kirchstaat (Weihwasser) besaß und ansonsten vom Salzwasser umspült war.
[26] Neapel wird auch als Partenope bezeichnet, da die Sirene Partenope an der neapolitanischen Küste gestorben sein soll.
[27] Die sizilianische Regierung erhielt von England drei Fregatten, dutzende Kanonen, 40.000 Gewehre, Pistolen und Lanzen für die Kavallerie (vgl. De Biase 2002:43).
[28] Die Poesi der “spigolatrice di Sapri” kennt heute jedes italienische Schulkind: “Erano trecento, eran giovani e forti, E sono morti! Die Landung von Pisacane und seiner Männer in Sapri scheiterte kläglich.
Die einheimische Bevölkerung machte die gelandeten „Befreier“ nieder.
[29] Auf Ponza befreiten sie 323 Häftlinge aus dem Gefängnis
[30] In der vorliegenden Arbeit wird die Treue der Schweizer im Kapitel über das Attentat auf König Ferdinand II deutlich.
[31] Schon Tacitus rühmte die „Helvetier als ein Volk von Kriegsleuten, dessen Soldaten für ihre Kriegstüchtigkeit weithin bekannt sind.“


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VIII)   Bibliographie

 

VIII.1)            Internetquellen:

Die im Folgenden aufgeführten Internetquellen wurden am 05.03.2004 letztmalig überprüft.
Internetquelle I: Chiappasi, Filippo: Tra storia e mito,
http://www.adsic.it/storia/Tra_storia_e_mito.htm.
Internetquelle II: Agnoli, Fancesco Maria: Dal Meeting di Rimini parte appello a storici per revisione Risorgimento, http://grandeoriente.it/Rastampa/2000/08ADNkronosrisorgi.htm.
Internetquelle III: Blondet, Maurizio: Signori storici, studiate i documenti,
http://lgxserver.uniba.it/lei/rassegna/001011.htm.
Internetquelle IV: Blondet, Maurizio: Vietato fare storia,
http://www.kattoliko.it/
Internetquelle V: Nicoletta, Antonio: Damnatio Memoriae,
http://www.adsic.it/economiasociet%C3%A0/Damnatio_Memoriae.htm.
Internetquelle VI: L´antico confine borbonico,  http://www.legambientecastelliri.it/curiosita/cippi.asp.
Internetquelle VII: Pellicciari, Angela: Tra Francia e Inghilterra la partita di Sicilia
Le due superpotenze dell’Ottocento trovarono nel Piemonte un alleato per le loro strategie, http://www.stellina.net/users/padani/risorg50.htm.
Internetquelle VIII: Angela Pellicciari: Mille e non più mille,
http://www.kattoliko.it/.
Internetquelle IX: Arturo Faraone: L´isola che non c´e e il diritto del mare. Dispute passate e future? Sulla Ferdinandea, .http://www.friulanidimarina.org/pagine/ferdinandea.htm.
Internetquelle X: L´exploration de Ile Julia par Constant Prevost, le 27,28, et 29 septembre 1831, http://www.educeth.ch/stromboli/others/ferdinandea/ferdinandea02-en.html.
Internetquelle XI: Ferdinandea,
http://www.newton.rcs.it/PrimoPiano/News/2003/02_Febbraio/17/Ferdinand.shtml.
Internetquelle XII: Domenico Macaluso: Ferdinandea alla Biennale del Mare, http://www.divermac.it/id10.htm.
Internetquelle XIII: Times: In Sicilia riemerge un´isola britannica,
http://ilrestodelcarlino.quotidiano.net/art/2000/02/05/508740
Internetquelle XIV: Carusi,  http://www.irsap-agrigentum.it/miniera4.htm.
Internetquelle XV: Selvaggi, Roberto Maria: L´Inghilterra dietro le quinte sobbilo la rivolta in Siclia, http://www.adsic.it/storia/elenco_storia.asp.
Internetquelle XVI: Pellicciari, Angela: La testa della rivolta? A Londra Il quartier generale della lotta contro la Chiesa non era nella Francia post-rivoluzionaria,
http://www.stellina.net/users/padani/risorg50.htm.
Internetquelle XVII: Pellicciari, Angela: Un’altra storia: Una guerra a colpi di scomuniche. Un capitolo poco noto del risorgimento: i rapporti tra Chiesa e Massoneria, http://www.stellina.net/users/padani/risorg03.htm.
Internetquelle XVIII: Pellicciari, Angela: Risorgimento e massoneria, http://www.kattoliko.it/.
Internetquelle XIX: Il Museo del Risorgimento della Società Siciliana per la Storia Patria di Palermo, Un laboratorio di storia ed arte, Piccola guida on line a cura di Pietro Gulotta,
http://www.storiapatria.it/Perc_Scol_Museo.htm.
Internetquelle XX: Del Boca, Lorenzo: Il Grande Imbroglio di Taricone Garibaldi, http://www.old.lapadania.com/2001/marzo/06/06032001p12a1.htm.
Internetquelle XXI: Pellicciari, Angela: I veri briganti stavano a Torino, http://www.kattoliko.it/.
Internetquelle XXII: Museo del Risorgimento. Turin, http://www.regione.piemonte.it/cultura/risorgimento/sala 17.htm.
Internetquelle XXIII: La Valigia delle Indie, www.brindisi.com/storia/valigia.htm.
 
VIII.2)            Literaturverzeichnis:
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Associazione Torino Citta Capitale Europea (1998): Le rivoluzione del 1848. L´Europa delle immagini. Caricatura e illustrazione tra storia e arte.
VIII.3)            Zeitungsartikel:
Corriere della Sera, 27.06.1999: Magris, Claudio.
Corriere della Sera, 07.05.2000: Brambilla, Michele.
 
Corriere della Sera, 07.05. 2002: Belardelli, Giovanni.
 
The Indipendent, 26.09.2001: Rose, George.
 
VIII.4)            Abbildungsverzeichnis:
Abbildung I: Grenzpfosten zwischen dem Königreich beider Sizilien und dem Kirchenstaat
Abbildung II: Garibaldi fischt die Trinacria
Abbildung III: Der britisch-französische Antagonismus um Sizilien
Abbildung IV: Die Insel Ferdinandea
Abbildung V: Der Gedenkstein zu Ehren des sizilianischen Volkes
Abbildung VI: Schwefelvorkommen in Sizilien
Abbildung VII: Export des Schwefels nach Großbritannien in Tonnen
Abbildung VIII: Preis des Schwefels in tari pro cantaio
Abbildung IX a und b: Der Arbeitsalltag der Carusi
Abbildung X: Die Schrecken des Jahres 1848
Abbildung XI: Der tiefe Katholizismus Ferdinands II
Abbildung XII: Die Einschiffung in Brindisi
Abbildung XIII: Die Reiseroute von London via Brindisi nach Bombay

 


Martin Kohler

Der Untergang des Königreiches beider Sizilien

unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Großbritanniens

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Martin Kohler ha messo a disposizione del popolo della rete la sua tesi di laurea sulla influenza dell'Inghilterra nell'annessione dellle Due Sicilie.

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